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Harald Szeemann : Im Museum der Obsessionen

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Ein Kurator wird zum Superstar stilisiert: In Los Angeles werden die legendären Ausstellungen Harald Szeemanns sehr amerikanisch und in täuschend echten Set-Designs nachgestellt.

          Ihr 50. Jubiläum bringt die Geschichtsschreibung der 68er Revolution unter aktuellen Druck. Können die Errungenschaften, die auf institutioneller, habitueller und politischer Ebene durch die Studentenrevolte, die Friedensbewegung oder die sexuelle Revolution erreicht wurden, in einer Kontinuitätsgeschichte bis heute erzählt werden? Sind sie in der Logik einer Hochzeit revolutionärer Energien und ihrem Verfall zu fassen? Oder darf in sehnsuchtsvoller Nostalgie geschwelgt werden?

          Diese Fragen sind nicht nur relevant für die Geschichts- und Kulturwissenschaften, denen aktuell vorgeworfen wird, mit schallendem Diskursgeklingel eine intellektuelle Elite gebildet zu haben, die reale Probleme von wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ungleichheit außer Acht ließ. Auch das Ausstellungswesen und die Kunstgeschichtsschreibung der sechziger und siebziger Jahre müssen sich Fragen der Historiographie stellen: Welche jüngere Kunstgeschichte des Aufbruchs und der Revolutionen wollen wir schreiben?

          600 Regalmeter heterogener Materialien

          Diese dringenden Fragen begleiten den Besuch zweier aktueller Ausstellungen im Getty Research Institute und im Institute of Contemporary Art in Los Angeles zum großen Archiv-Fall der jüngeren Kunstgeschichte: „Harald Szeemann: Museum of Obsessions“ und „Grandfather: A Pioneer Like Us“. Die beiden Ausstellungen schöpfen ihre Objekte aus dem Archiv des 2005 verstorbenen Kurators Harald Szeemann, das nach einem Wettlauf der Institutionen um seinen Beheimatungsort (Kassel oder Los Angeles) von Szeemanns Frau Ingeborg Lüscher und seiner Tochter Una Szeemann 2011 an das Getty Research Institute gegeben wurde. Die siebenjährige Bearbeitung des Szeemann-Nachlasses durch ein mehrköpfiges Team, das sich den 600 Regalmetern heterogener Materialien aus seinem Tessiner Privathaus widmete, brachte nicht nur neue Fragen zur Geschichte des Kuratierens und zur Rolle des Kurators auf den Plan. Die Erschließung fällt zudem in einen Zeitraum, in dem die Digitalisierung von Archivalien der 68er-Bewegung die kunsthistorische Narrativierung von meist ephemeren Hinterlassenschaften radikaler Künstlerutopien dringlich macht.

          Visionärsblick: Harald Szeemann 1999 als Direktor der Venedig-Biennale.

          Auf Grundlage des großen Archivbestands und mit einer räumlichen Entfernung von 9497 Kilometern zu Szeemanns früherer Wirkungsstätte, dem schweizerischen Bern, schlagen die Ausstellungen in Los Angeles eine Alternative zum festgetretenen Pfad einer doppelten Befreiungsgeschichte von Künstlern und Kuratoren seit den 1960er Jahren vor. Die Kunstgeschichte hatte sich bislang vor allem auf die zwei revolutionären Ausstellungen Szeemanns „When Attitudes Become Form“ im Jahr 1969 und die Documenta 5 von 1972 konzentriert.

          Agentur für geistige Gastarbeit

          Die Geschichte der Frühzeit von Harald Szeemanns Aktivitäten liest sich entsprechend so: Mit 28 Jahren wurde Harald Szeemann als Direktor an die Berner Kunsthalle berufen, wo er für Furore sorgte: Joseph Beuys schmierte Fett in die Ritzen zwischen Boden und Wand, Lawrence Weiner meißelte ein Monochrom aus der Wand im Treppenhaus heraus, Gilberto Zorio gefährdete mit einer Fackel-Arbeit – trotz gegenteiliger Beteuerungen des Künstlers: „non è pericoloso“ – Leib und Leben der Besucherinnen.

          So schockierend die neuen Attitüden des Randalierens für das Berner Publikum gewesen sein mögen, so durchschlagend waren sie für die Theoriebildung in zweifacher Hinsicht: Erstens wurde Szeemanns Weggang von der Kunsthalle Bern nach der Ausstellung von 1969 als Geburt der Figur des unabhängigen Kurators gewertet. Szeemann hatte fortan seine freie kuratorische Tätigkeit im Rahmen der „Agentur für geistige Gastarbeit“ und im „Museum der Obsessionen“, zwei von ihm ins Leben gerufene Einrichtungen, weitergeführt und in den realisierten Ausstellungsprojekten institutionalisiert. Zweitens hatten im weiteren Verlauf gerade die prozessorientierten „offenen Kunstwerke“ – im Anschluss an Szeemanns Nominierung als Leiter der Documenta 5 – neue Impulse der institutionskritischen Theoriebildung vorangetrieben.

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