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Harald Szeemann : Der verwunderte Bewunderer

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Die legendäre documenta 5, die Biennale von Venedig 1999 und 2001 - Harald Szeemann machte Ausstellungen, und er machte Ausstellungen zu einem eigenen Erkenntnismedium. Im Alter von 71 Jahren ist Szeemann gestorben.

          Harald Szeemann ist nach kurzer schwerer Krankheit in der Nacht zum vergangenen Freitag in Zürich gestorben. Der Kunstbetrieb hat seinen renommiertesten Ausstellungsmacher und die Kunst einen leidenschaftlichen Vermittler verloren. Viele Künstler verlieren einen treuen Weggefährten. Er war ein knorriger, aber sensibler Kraftmensch, hervorgegangen aus einer Mischung aus elsässisch-bayerisch-ungarischer Schlitzohrigkeit, einer großen Zuneigung zum Vielvölkergemisch der ehemaligen k.u.k. Monarchie und einem Hang zum Skurrilen, wie er wohl nur unter dem Ordnungsdruck der Schweiz gedeihen kann.

          Harald Szeemann, geboren am 11. Juni 1933 in Bern, machte Ausstellungen. Er jonglierte mit Hirngespinsten, fremden, aber auch eigenen. Das temporäre Beisammensein isolierter Kunstwerke allein war ihm zuwenig. Ausstellen bedeutete für ihn nichts Sekundäres, es war kein Anhängsel - der Kunst, der Künstler, des Museums oder des Kunstbetriebs, sondern ein Erkenntnismedium eigenen Rechts.

          Sein Rezept: Enthusiasmus und Intensität

          Dabei klingt Erkenntnis viel zu nüchtern für einen "wilden" Denker, wie Szeemann einer war, der sich, wie er selbst einmal schrieb, "am mythischen und utopischen Gehalt der Hervorbringungen menschlichen Geistes und menschlicher Tätigkeit labt". Es ging ihm vor allem darum, wie man beim Ausstellungmachen "aus Objekten wieder (künstlich) Leben machen kann". Sein Rezept: mittels Enthusiasmus und Intensität. Obgleich ein exzellenter Kenner der Kunstgeschichte - es war immer ein Vergnügen, gemeinsam mit ihm durch gleich welche Ausstellung oder Sammlung zu gehen -, agierte er in seinen eigenen Vorhaben bewußt spekulativ, anarchisch und unwissenschaftlich. Er wählte Künstler und Werke nicht um der Interpretation willen aus, sondern um eine Konstellation herzustellen, in der etwas von der Kraft des Individuellen spürbar werden kann.

          Es war zuallererst Szeemann, der im mentalen Treibhausklima der späten sechziger Jahre einen folgenschweren Umschwung einleitete: die Ablösung des Kunsthistorikers oder Museumskurators als Autorität für Künstler und Publikum. Von nun an wurde der Ausstellungsmacher zum Autor und die Ausstellung zu seinem Werk. Was beileibe nicht allen schmeckte, weshalb ihm häufig vorgeworfen wurde, er stelle die Inszenierung über die Kunst und mache das Ausstellen zum Regietheater.

          „Live in your head“

          Was er auch anpackte, Szeemann blieb ein Einzelgänger, ganz gleich wie groß das Team war, mit dem er arbeitete. In seinem Kopf liefen die Fäden zusammen. Über die fünfziger Jahre, als er zuerst in einer Truppe und dann als Ein-Mann-Theater auftrat, berichtete er: "Es ging mir einfach auf die Nerven, dieses Ensemble, oder. Verstehen Sie, es ist doch in allen Sekten dasselbe. Sobald einer mehr Mitglieder will, muß er sein Niveau herunterschrauben, damit seine Botschaft verstanden wird. Dann gibt es die guten Heiler. Die bleiben für sich. Die wollen gar keine Gemeinschaft. So kam ich mir ein bißchen vor."

          Er arbeitete als Bühnenbildner, Grafiker, Kunstmaler und Dichter, begann Ausstellungen zu machen, heiratete, ging nach Paris und wurde 1961 - mit achtundzwanzig - Direktor der verschlafenen Kunsthalle Bern. Sein Programm war frisch und frech; er präsentierte thematische Überblicksausstellungen und untersuchte Initialgesten, machte 1967 die weltweit erste Ausstellung über Science-fiction und ließ Christo die Kunsthalle verpacken. 1969 folgte "When Attitudes Become Form - Werke, Konzepte, Vorgänge, Situationen, Informationen".

          Was unter dem Motto "Live in your head" - Lebe im Kopf - stand, machte in einer Addition von Erzählungen in Ich-Form den neuen Geist der Zeit für viele erstmals vernehmbar: die Verwendung poverer Materialien, das Verlagern des Interesses vom Resultat auf den Vorgang, das Erklären von Dingen zu Kunst, das Aufsprengen des Dreiecks aus Atelier, Galerie und Museum. Die documenta 5, die er 1972 in Kassel realisierte, zog daraus die Konsequenz. Sie ist längst Legende und gilt als Maßstab und Vorbild aller folgenden.

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