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Hans Ulrich Obrist in China : Besten Dank, hier gibt’s schon zu viele Geister

  • -Aktualisiert am

Der Kurator und Trendsetter Hans Ulrich Obrist trifft in Peking auf Künstler und Kunstkritiker und auf überraschend deutlichen Widerstand. Ist die Globalisierung des Zeitgenössischen bloß Kulisse?

          4 Min.

          Wie reibungslos funktioniert die Gobalisierung der zeitgenössischen Kunst? In Peking konnte man jetzt die Probe aufs Exempel erleben, deren Hauptakteur der Kurator Hans-Ulrich Obrist war. Er ist gebürtiger Schweizer, aber er wirkt vor allem in Amerika. Niemand ist so vernetzt wie er, auf sein Wort hören die Sammler, und wie kein Zweiter wirkt Obrist dabei an einer alle Kulturgrenzen überschreitenden Definition dessen mit, was als gegenwärtiger Moment, was als „zeitgenössisch“ gilt, indem er die Kunst in ein ständiges Gespräch mit sich selbst und der Welt verwickelt und ihr dabei Übersicht verheißende Stichwörter zuruft.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Heinz Bude schrieb in den „Texten zur Kunst“ kürzlich von Obrist als einer „nomadischen Existenz, die von einem Zentrum der Finanzindustrie aus den kreativen Flows auf dem Planeten auf der Spur ist und an der globalen Übersetzung von vielen einzelnen künstlerischen Aktivitäten arbeitet“. Aber wie reagiert die Peripherie, zumal eine so stolze, machtvoll in die Mitte drängende wie die chinesische, wenn sie mit einem solchen Ordnungsanspruch konfrontiert wird?

          Mit technischen Mitteln zur Legende

          In Peking rief Obrist, unterstützt vom dortigen Goethe-Institut, die lokale Kunstszene zusammen, um an der Inaugurierung einer neuen, von ihm und zwei Freunden ins Leben gerufenen Bewegung namens „Post-Hastism“ teilzuhaben. Rund hundert Jahre nach dem futuristischen Manifest und dessen Geschwindigkeitsfuror wollte er ein Manifest der Entschleunigung vortragen. Und es kamen tatsächlich eine ganze Reihe Künstler und Kritiker in den betont beiläufigen Kunstraum „Pavillon“, einer Hochhauswohnung in der Nachbarschaft des Today’s Art Museum. Man saß auf dem Boden oder auf achtlos zusammengestellten Plastikstühlen, einige guckten auf Bildschirme, es gab auch Kunst, aber nicht zu aufdringlich. Alles sah so aus, als wäre nichts weiter vorbereitet gewesen, eine freie, jungfräuliche Fläche gewissermaßen, auf die jedes potentielle „Ereignis“ widerstandslos niederkommen könnte.

          In einem Interview hat Obrist beschrieben, wie Performances, die nur wenige Leute sahen, erst zum Gerücht wurden und schließlich weltberühmt: „That is a mechanism that is very key.“ Damit die in der Kunstgeschichte studierte Dynamik solcher Legendenbildung planmäßig erzeugt werden kann, waren bei seinem Auftritt jetzt bei allem provisorischen Gestus die Instrumente der Dokumentation professionell präpariert: Kameras, Aufnahmegeräte, Computer zum Mitschreiben. Auch den postolympischen Interviewmarathon, den Obrist an der Jahreswende 2008/2009 in einem ähnlich neutralen Pekinger Lokal mit zahlreichen Künstlern durchgeführt hatte (Mottos damals: „We never stop“ - „Es ist entscheidend, diesen Augenblick als eine Schubkraft für Optimismus zu identifizieren“), verarbeitete er später zu einem Buch.

          Überraschend ernsthaftes Interesse

          Freundlich erläuterte der Kurator das Manifest und las es dann zusammen mit seinen beiden Mitstreitern Shumon Basar und Joseph Grima möglichst unengagiert auf Englisch vor; eine Dolmetscherin übertrug jeden Abschnitt gleich ins Chinesische. Das Manifest orientierte sich überwiegend an Zitaten von Leuten, die man in europäischen Kunstbuchhandlungen finden kann: Wittgenstein, Robert Walser (endlose Spaziergänge!), Heidegger, Rem Koolhaas, Godard (Slow Motion!), David Bowie (Slow down!). Kurzum: „Verspätungen sind Revolutionen.“ Und am Schluss: „Post-Hastismus ist die Antwort. Was ist die Frage?“

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