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Hans Makart in Wien : Aus der Lasterhöhle des Ornaments

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Er war einer der ersten Medienkünstler des bürgerlichen Zeitalters. Während Kritiker und Kollegen seine großformatigen Historienschinken verachteten, stellte Hans Makart seine Malerei und sein skandalumwittertes Privatleben gegen Bezahlung aus.

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          Es gab eine Zeit, da pilgerten Zigtausende Menschen ins Atelier eines Malers, nur um ein einziges Bild anzustarren. So geschehen im Wien des Jahres 1878, als Hans Makart sein Riesengemälde „Der Einzug Karls V. in Antwerpen“ zeigen ließ. Die Polizei musste den Betrieb ordnen, Eintritt wurde erhoben, die Presse kommentierte Bild und Rummel wochenlang, der ohnehin schon berühmte Maler wurde zum Mythos - so sehr, dass bald die ganze Epoche der Gründerzeit ästhetisch nach dem schmächtigen Künstlerfürsten aus schlichter Salzburger Familie benannt wurde. Die später gern verächtlich gemachte „Makartzeit“ als faszinierende Epoche unterm Patronat der Bilder und Künstler vorzustellen, unternimmt jetzt eine Doppelausstellung in Wien.

          Wie und ob Kaiser Karl V. weiland in Antwerpen seinen Triumphzug feierte, war dem Maler Makart sehr viel gleichgültiger als die passende Rosafarbe für den zarten Busen diverser Nymphen, die dem Zug so gut wie nackt voranschritten. Wiener Gesellschaftsmädchen hatten bei ihm Schlange gestanden, um so unbekleidet wie möglich aufs Bild zu kommen. Ein Makartmodell zu sein lohnte sich mindestens so sehr wie sehr viel später ein Bondgirl. Die beiden entzückenden Fabrikantentöchter Hanna und Paula Klinkosch, die Makart auch gern auf seinen berühmten Atelierfesten als Augenfang dabei hatte, heirateten später einen Grafen Széchenyi und einen Fürsten Liechtenstein.

          Legendäre Soireen

          Makart exzellierte im neuen Massengenre des „Sensationsbildes“. Schon seine „Huldigung der Caterina Cornaro“, die unterm Campanile auf dem Markusplatz ein Höchstmaß an Obstschalen, brokatgewandeten Edeldamen, Harnischen, Teppichen, Pfauenfedern und Kuscheldoggen auf gefühlten vierhundert Quadratmetern versammelte, wirkte aufs Publikum wie eine Droge. Nicht wegen des historisch unbedeutenden Motivs. Nicht wegen des siegreich bestandenen Wettkampfs mit Paolo Veronese, dessen Festgesellschaften Makart souverän herangezoomt und womöglich noch eleganter, relaxter, opulenter auf die Leinwand geworfen hatte. Und sicher nicht wegen der belanglosen Psychologie der staunenswert lebensechten Statisten, von denen Makarts Frau Amalie als Zypernkönigin Catarina mit rotgefärbtem Haar den attraktivsten Blickfang ausmachte.

          Monumentalschinken wie diese, die Makart - ein winziger Entwurf beweist es - wie ein Aquarellist prima vista und perfekt in Öl hinwerfen konnte, machten den Maler zum Superstar seiner Zeit. Sensationsbilder wanderten auf Einzelschauen quer durch Europa, um am Ende in New York oder bei der Weltausstellung in Philadelphia von Österreichs Ruhm zu künden. Der Kaiser Franz Joseph persönlich hatte das in München bei Piloty ausgebildete Junggenie nach Wien gelockt, ihm kostenfrei das Ateliergebäude im Gußhausviertel auf der Wieden zur Verfügung gestellt. Dort, im vollgepackten Ramschladen zwischen Trockenblumen, Wasserpfeifen, Eisbärfellen, Tigerköpfen und Ritterrüstungen, gab es legendäre, allzeit mit erotischem Beiklang inszenierte Soireen, zu denen das neureiche Wien, aber auch Richard Wagner, Franz Liszt oder Kaiserin Sissi erschienen. In einem solchen, später von Lenbach, Stuck, Matejko imitierten Atelier, so spottete der Hamburger Reformer Alfred Lichtwark, musste man im staubigen Dämmerlicht aufpassen, sich nicht an Raubtierzähnen oder Möbelkanten zu verletzen.

          Der morbide Charme des Manierismus

          Diesen Makartstil als Dekorationsorgie und verlogenen Kondukt der großbürgerlichen Kultur zu verdammen, hat seit dem auch nicht gerade unparfümierten Jugendstil jede Moderne reichlich durchgespielt. Adolf Loos richtete mit seinem fatalen Bannfluch „Ornament ist Verbrechen“ absichtlich eine ganze Epoche hin, die sich nicht nur in Makarts Bildern, sondern in allen figurengeschmückten Fassaden der Ringstraßenpalais im historischen Zitat und Zierrat verschwendet hatte. Heute, im neohistoristischen Zeitalter teurer Altbauwohnungen, sieht man das glücklicherweise wieder anders. Makarts sinfonisches Arrangement von durchaus impressionistischen Rot- und Blautönen, seine locker unfertig belassenen Partien von Deckweiß, welches die mürben Büsten Wiener Damen wie Spitze und Musselin umfloss, seine grandiose Personenregie, sein Instinkt für den morbiden Charme des Manierismus, dem er zuletzt mit irren Architekturphantasien im Gigantismus eines Palladio huldigte - all diese Qualitätsmarken rehabilitieren Makart als Epochenkünstler.

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