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Hans Hartung in Paris : Das beste Mittel, um den Tod zu besiegen

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Von Deutschland abgewandt

In den dreißiger Jahren begründet Hans Hartung ein abstraktes Formen- und Strukturen-Vokabular mit kubistischen Einflüssen. Eine Hierarchie von Form und Bildraum gibt er endgültig auf. In Paris trifft er Alexander Calder oder Juan Miró und befreundet sich besonders mit dem Bildhauer Julio González. Mit Anna-Eva Bergman lebt er in Frankreich und Norwegen, gemeinsam bauen sie ein Haus auf Menorca. Dann reist Hartung wieder nach Berlin, setzt sich jedoch nach einem Gestapo-Verhör definitiv nach Paris ab. Die Kriegsjahre sind für den deutschen Maler eine Zeit zehrender Irrfahrten und der Flucht, mit Internierungen und einem notgedrungenen Beitritt zur Fremdenlegion. Wenn immer es ihm möglich ist, malt er weiter. 1944 engagiert er sich in der französischen Befreiungsarmee und verliert bei einer Bombenattacke ein Bein.

Hartung ist von Anfang an ein Künstler der Bewegung, der die intuitive, emotionale Malgeste kultiviert und Farbfelder mit oft schwarzen, kalligraphischen Motiven in Dialog setzt. Der treffliche Untertitel „Die Fabrik der Geste“ der von Odile Burluraux kuratierten Ausstellung spielt auf die Ambivalenz von Hartungs Maltechnik an. So unmittelbar dahingeworfen seine Gemälde erscheinen, so sehr sind sie durchdacht und aus einer gewissermaßen fabrizierten Geste heraus entstanden. Denn bis zum Ende der fünfziger Jahre arbeitet er mit dem Rasterverfahren.

Seine Gemälde sind das Ergebnis einer präzisen, vergrößernden Übertragung von spontanen Vorzeichnungen auf die Leinwand. Auch auf Andy Warhols Factory nimmt der Titel Bezug. Mit dem wachsenden Erfolg, der sich nach dem Krieg einstellt – Hartung geht nie wieder nach Deutschland zurück -, begründet der Künstler eine fabrikartige Atelierproduktion. Er umgibt sich mit Assistenten, die bei den Arbeitsprozessen mithelfen und sein umfassendes Werk aus Gemälden, Pastellen, Zeichnungen, Fotografien, aber auch Keramik oder Druckgrafik systematisch dokumentieren.

Keine Methode war zu kurios

In den fünfziger Jahren wird Hartung als Vorläufer der abstrakten Avantgarde-Bewegungen „Informel“ und „Zweite Schule von Paris“ gefeiert, die die geometrische Abstraktion ablehnen und ihr das Prinzip der Formlosigkeit, den gestischen Ausdruck und Emotionalität entgegensetzen. Für ihn sei die Lust zu leben mit dem Drang zu malen identisch, erklärt Hartung in seinem memoirenähnlichen „Selbstporträt“. Ohne Unterlass experimentiert er mit neuen Techniken. In den sechziger Jahren gibt er das kopierende Rasterverfahren vollends auf.

Im Pariser Atelier verwendet er die neue Farbscala industrieller Vinyl- oder Acrylfarben, greift zu Pressluftpistolen, um sie aufzusprühen. Dann entwickelt er eine Ritztechnik, indem er mit einem Rebmesser auf der feuchten Farbe kratz-zeichnet und in den Linien den hellen Untergrund aufscheinen lässt. Faszinierend ist hier, wie diese Technik Licht in seine Gemälde zaubert, Turbulenzen, Witterungen und Stimmungen entstehen lässt. 1973 baut er mit Anna-Eva Bergman ein Atelierhaus in Antibes, in dem auch die Assistenten wohnen und das heute die Hartung-Bergman-Stiftung beherbergt.

Sein Spätwerk zeugt von einem energischen, wie befreiten Bezug zur Leinwand. Er entlehnt den Handwerkern ihre Spritzgeräte für Putz oder verwendet breite, grobe Malbürsten. Mit einem rundgebundenen Feger aus Ginsterzweigen, der in Farbe getunkt wird, peitscht er seine Gemälde regelrecht. Noch im letzten Lebensjahrzehnt wachsen die Formate zum Monumentalen. Er bearbeitet die Leinwand mit einer Explosion der Farben und Lichtstimmungen. Malen sei das beste Mittel, um den Tod zu besiegen, bekennt Hartung. Am Ausgang hängt sein letztes Gemälde aus dem Jahr 1989. Darin sprüht eine geheimnisvolle rot-schwarze Lebensenergie.

Hans Hartung. Im Musée d’Art Moderne im Palais de Tokyo, Paris; bis zum 1. März 2020.
Der Katalog auf Französisch kostet 44,90 Euro.

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