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Hannah Ryggen in Frankfurt : Gewebte Waffen

Demokratie weben: Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt zeigt die phantastischen und hochpolitischen Bildteppiche der norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen.

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          Sie sind monumental, und sie sind wahrhaftige Manifeste. Die gewebten Wandteppiche von Hannah Ryggen haben eine eigene Position in der Avantgarde des zwanzigsten Jahrhunderts, ihre Quellen sind viele, ihre Ästhetik ist singulär. In ihrer Heimat Norwegen ist die Künstlerin keine Vergessene, ihre Werke sind in den Museen des Landes bewahrt. Es gehörte zu Ryggens gesellschaftspolitische Überzeugung, sie nicht an Privatleute zu verkaufen, sie sollten für die Allgemeinheit zugänglich sein. Auch deshalb kann sie die Frankfurter Schirn jetzt als geschlossenes OEuvre zeigen. Vor sieben Jahren waren einige ihrer Arbeiten bei der Documenta 13 in Kassel zu sehen; in Frankfurt ist mit 25 großen Bildteppichen nun die erste Retrospektive in Deutschland zu sehen. Zu ihren Lebzeiten kämpfte Ryggen unbeugsam gegen den Faschismus und seine Folgen, klagte insbesondere das Verhalten Schwedens im Nationalsozialismus an. Die Tapisserien mit den umwerfenden Tableaus und erfindungsreichen Imagines nutzte sie als gewebte Waffen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Dass sie trafen, zeigte sich schon 1937 bei der Weltausstellung in Paris, als ihr Wandteppich „Etiopia“ von 1935 im norwegischen Pavillon hing. Er verarbeitet Mussolinis Invasion in Äthiopien und Kaiser Haile Selassies vergeblichen Appell an den Völkerbund. Die Zensur schritt ein, der rechte Teil, auf dem ein äthiopischer Kämpfer den Kopf Mussolinis aufspießt, musste umgeschlagen werden. Übrigens hing im spanischen Pavillon Picassos „Guernica“, blieb aber von Zensur verschont. Zwei Jahrzehnte später schuf Ryggen in herrlichen Blautönen eine Tapisserie, die dem Kommunisten „Jul Kvale“ gewidmet ist, der sich dem Nato-Bündnis für Aufrüstung widersetzte. Nach Kvales rechter Hand greift aus dem Hintergrund ein Kind, seine linke Hand fasst nach einem Pamphlet, auf dem „Nein, nein“ steht. Ryggens vier mal drei Meter messender Bildteppich „Wir leben auf einem Stern“ aus dem Jahr 1958 hing im Eingangsbereich des Høyblokka in Oslo, Sitz der Ministerpräsidentin. Der Anschlag des Rechtsterroristen Anders Breivik, der später auf der Insel Utøya 69 junge Menschen in einem Sommerlager ermordete, beschädigte auch Ryggens Werk. Es konnte restauriert werden. In der Schirn hängt die kosmische Phantasie mit einem nackten Paar im Zentrum – mit dieser Narbe als ein Zeichen, dass unsere Erde auch ein Ort von Versöhnung und Harmonie sein könnte.

          Hannah Ryggens Webereien sind Zeitdokumente einer Künstlerin, die ständig über das Weltgeschehen unterrichtet war. Aber auch hinreißende Manifestationen ihrer Liebe zur Kreatur, zur Schöpfung. Ihre Rottöne wirken manchmal wie Herzblut. Geboren wurde sie 1894 in Malmö in Schweden als Kind einer Arbeiterfamilie; sie starb 1970 in Trondheim. Ausgebildet als Grundschullehrerin, hätte sie ihren Lebensunterhalt gut bestreiten können, aber ihr Besuch der großen „Baltischen Ausstellung“ 1914 in Malmö änderte alles. Kurz darauf begann sie, Kunstunterricht zu nehmen. Ihr Lehrer Fredrik Krebs empfahl sie 1922 nach Dresden. Dort beschäftigte sie sich mit den Alten Meistern und lernte den norwegischen Maler Hans Ryggen kennen. Mit ihm betrieb sie dann ein kleinbäuerliches Gut an der Westküste Norwegens, wo sie in bescheidenen Verhältnissen lebten. Hannah Ryggen entschied sich gegen die Malerei und begann zu weben. Hans Ryggen baute ihr den Webstuhl, die Farben für die Wolle gewann sie aus der sie umgebenden Natur.

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