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Rokokomalerei-Schau in Hamburg : Kunst muss frei sein!

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Das Künstler-Dreigestirn der Vormoderne: Die Hamburger Kunsthalle zeigt, wie sich Goya, Fragonard und Tiepolo im achtzehnten Jahrhunderten ungekannte Freiheiten ermalten - und einen hohen Preis dafür zahlten.

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          Mit der Aufklärung und der Französischen Revolution setzte in den großen Reichen Europas ein Prozess ein, der bis heute die Kunsterzählung der westlichen Welt prägt. Künstler lösten sich in den Jahren 1740 bis 1815 von ihren adligen und geistlichen Auftraggebern und strebten nach Freiheit und Unabhängigkeit. Der Aufstieg des Bürgertums und die sich anbahnende industrielle Revolution taten ihr Übriges. 1784, auf dem Höhepunkt der flirrenden Transformationsphase, erscheint mit Kants „Was ist Aufklärung“ das Grundlagenwerk jenes Wandels. Raus aus den Akademien, rein in die Welt der Salons, war deshalb die Maxime der Stunde für viele Künstler.

          Eine wagemutige Angelegenheit, denn die Abkehr von der Auftragsmalerei in den Werkstätten barg stets das Risiko der Verarmung, brach doch der Lohn für die gutbezahlten Auftragsarbeiten weg. Die Kunsthalle Hamburg widmet sich vier Künstlern, die zur avantgardistischen Vorhut dieser ästhetischen Revolution gehörten. „Goya, Fragonard, Tiepolo – Die Freiheit der Malerei“ heißt die Sonderausstellung, welche anhand von hundertfünfzig Arbeiten das Schaffen von Giovanni Battista Tiepolo, seinem Sohn Giovanni Domenico Tiepolo, Francisco José de Goya y Lucientes und Jean-Honoré Fragonard in Bezug setzt.

          Wie im Wilden Westen: Als direkte gemalte Vorlage für einen Webteppich der Königlich Spanischen Gobelinmanufaktur waren Goyas wenig vertrauenerweckende, mutmaßlich korrupte „Tabakzöllner“ von 1780 unverhohlene Kritik, staatlichen Beamten genauer auf die Finger zu sehen.
          Wie im Wilden Westen: Als direkte gemalte Vorlage für einen Webteppich der Königlich Spanischen Gobelinmanufaktur waren Goyas wenig vertrauenerweckende, mutmaßlich korrupte „Tabakzöllner“ von 1780 unverhohlene Kritik, staatlichen Beamten genauer auf die Finger zu sehen. : Bild: Museo Nacional del Prado, Photog

          Mit exzellenten Leihgaben aus dem Prado in Madrid oder dem Amsterdamer Rijksmuseum gelingt es den Kuratoren, die Lebensgeschichten der Künstler zu erzählen und dabei das Wechselspiel zwischen den vieren zu betonen. So trumpft das Entree der Kunsthalle mit dem lieblichsten Gemälde der Schau auf, „Die Geburt der Venus“ von Fragonard aus den Jahren 1753/55. Wie auf Wolken gebettet, liegt sie in den Wellen, mit weichen Körperzügen und jugendlichem Antlitz. Sie bildet das Schönheitsideal des Rokoko ab und ist mit so hellen und zarten Farben gemalt, dass ein pastelliger Eindruck entsteht. Um sie herum schweben Engel am Firmament, Fische schlängeln sich aus dem dunklen Ozean. Die Liebesgöttin entspringt dem Schaum des Meeres. Alles fließt und ist in Bewegung. Fragonard wird zum Vorboten des sich anbahnenden Impressionismus und nimmt das Pastellig-weiche von Auguste Renoir vorweg.

          Ähnlich skizzenhaft ist das Bildnis „Die Erziehung der Jungfrau Maria“ von Tiepolo dem Älteren. Die mit schnellem Strich gemalte Ölskizze zeigt die schulische Ausbildung der Maria. Er inszeniert sie als ein strebsames und unschuldiges Kind, gepackt vom Geiste des akademischen Studiums. Nicht nur hier werden die Ideale der Aufklärung künstlerisch verarbeitet. Alle vier gezeigten Meister brachen mit den Malkonventionen des späten Barocks und des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts. Schnelle Pinselstriche, die Ölskizze als neuartige Kunstform und Motive mitten aus dem Leben machten sie zu Vorboten der Moderne. Obwohl die vier Künstler nie persönlich aufeinandertrafen, hatte sie Kenntnis voneinander.

          Da hilft die Napoleonsgeste auch nicht mehr weiter: Francisco de Goya porträtierte seinen Malerfreund „Asensio Julià“ um 1798 in einem Dachstuhl, wahrscheinlich demjenigen der Ermita de San Antonio de la Florida in Madrid, bei dessen Freskenausmalung Asensio ihm zu dieser Zeit half.
          Da hilft die Napoleonsgeste auch nicht mehr weiter: Francisco de Goya porträtierte seinen Malerfreund „Asensio Julià“ um 1798 in einem Dachstuhl, wahrscheinlich demjenigen der Ermita de San Antonio de la Florida in Madrid, bei dessen Freskenausmalung Asensio ihm zu dieser Zeit half. : Bild: Museo Nacional Thyssen-Bornemisz

          Sowohl Fragonard als auch Goya zog es zwischen 1756 und 1770 nach Italien, während Tiepolo mit seinem Sohn ab 1762 in Madrid am Hofe von Kaiser Karl III. arbeitete. Sie waren Kosmopoliten in einer Zeit, in der die Globalisierung noch in den Kinderschuhen steckte. Humor wird eine Gemeinsamkeit ihres Schaffens. Sie alle fügten in sakralen und weltlichen Werken karikaturistische Elemente ein, nahmen mit Empathie die sozialen Realitäten ihrer Zeit auf und begeisterten sich für die halbschattige Welt der Schauspielkunst. Das Theater mit seinen ungezügelten Affekten und dem Spiel von Wirklichkeit und Phantasie war ein beliebtes Motiv und gleichzeitig Flucht aus der düsteren Realität der Transformationsepoche.

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