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Straßenfotografie in Hamburg : Nachts in Buxtehude

Der Ausstellung „Street. Life. Photography“ in den Hamburger Deichtorhallen ist das Leben nicht genug. Mit dem Thema trifft sie den Puls der Zeit – Instagram kann das beweisen.

          Ein Paar, das in der Dampfsäule eines Belüftungsschachts verschwindet; ein Tiger, der zum Sprung auf Passanten ansetzt; ein Mann, der wie erschlagen am Boden liegt – es sind skurrile Momente, die Joel Meyerowitz dem Alltag entrissen hat. Szenen wie aus einem Traum, dass man am liebsten von Dokumentarsurrealismus sprechen möchte, gerade so, als wolle der Fotograf die Unbegreiflichkeit der Welt verdeutlichen. Dabei hat Joel Meyerowitz die Straßenfotografie, wie er bei Gelegenheit erzählte, als etwas ganz anderes begriffen, nämlich als Mittel der Selbstdarstellung: „An einem Tag von Optimismus bestimmt, an einem anderen eher melancholisch gestimmt, suchten wir im Alltag nach Augenblicken, die unsere Gefühle wiedergaben. Streng genommen nahmen wir immer nur Selbstporträts auf.“

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Wir: Das war eine Clique junger Fotografen, die in den sechziger Jahren durch New York spazierte. Oft waren sie gemeinsam unterwegs, mehr als einmal richteten sie ihre Kameras auf dasselbe Motiv. Und doch brachten sie ganz unterschiedliche Bilder von den Ausflügen mit zurück. Es sind grüblerische Selbstzerfleischungen bei Lee Friedlander, freche Flirts mit jungen Damen bei Garry Winogrand, Tod Papageorge stiftete im Chaos von Gruppen durch seine Kompositionen eine seltsame Harmonie, und Diane Arbus suchte nach mürrischen Gesichtern.

          Ausstellung überschreitet Grenzen des Genres

          Als John Szarkowski 1967 etliche dieser Arbeiten für das Museum of Modern Art zur Ausstellung „New Documents“ zusammenfügte, entzündete er damit eine Fackel, deren Licht bis heute über die gesamte Straßenfotografie strahlt und um die herum alle nachfolgenden Straßenfotografen insektengleich kreisen. Das ist auch in der Ausstellung „Street. Life. Photography“ so, die Sabine Schnakenberg gleichermaßen als Mittel- wie Höhepunkt der Triennale der Photographie Hamburg für die Deichtorhallen kuratiert hat.

          Den Klassikern, zu denen noch Robert Frank und Lisette Model, William Klein, Harry Callahan und ein paar mehr hinzukommen, räumt sie knapp ein Drittel des Platzes ein, der Rest ist jüngeren Positionen gewidmet, die man freilich zum nicht geringen Teil aus Jackie Higgins’ „World Atlas of Street Photography“ kennt – insgesamt gut dreihundert Aufnahmen von mehr als fünfzig Fotografen. Das ist viel Material. Und es ist nicht zu übersehen, welchen Anspruch Sabine Schnakenberg verfolgte: den vielfältigen Möglichkeiten der Fotografie in den Straßen gerecht zu werden. Weil sie jedoch die Grenzen des Genres weit überschritten hat, landet sie am Ende trotz höchsten Niveaus der einzelnen Arbeiten in einer befremdenden Beliebigkeit, hinter der eher enzyklopädisches Interesse als das Herzblut eines Ausstellungsmachers aufschimmert. Kabinett für Kabinett sind die Bilder zu Kapiteln wie „Public Transfer“ und „Crashes“, „Anonymity“ und „Alienation“ zusammengefasst, ein Ansatz folgt dem anderen, aber in der Ausstellung verzahnt sich nichts oder erhellt sich wechselseitig. Schlimmer noch: Die Präsentation führt sich schon bald ad absurdum.

          Straßenfotografie erlebt ein Hoch auf neuen Medien

          Denn während gleichsam als Programm Charles Baudelaire mit seinen Gedanken über den Flaneur zum Zeugen gerufen wird, vertraut die Bildauswahl eben nicht dessen Metapher vom „ungeheuren Vorrat an Elektrizität“ in der Menge der Passanten. Stattdessen darf sich Peter Funch die Figuren auf seinen Bildern am Computer so zusammensetzen, dass die Menschen jeglicher Individualität verlustig gehen. Ahn Jun nimmt für ihre halsbrecherischen Performances auf den Dächern von Hochhäusern Platz und lässt die nackten Füße hundert Meter über der Straße im Nichts baumeln. Thomas Struth gibt sich reichlich Mühe, dass keine Menschen auf seinen Architekturaufnahmen zu sehen sind. Und während man auf den mit einem Restlichtverstärker aufgenommenen Nachtbildern von Thomas Ruff bisweilen die Straße kaum noch erkennt, löst sie sich bei Michael Järneckes Langzeitbelichtungen während seiner Nachtfahrten durch Buxtehude in verwegen verflochtene Lichtschlieren auf, wie dem Formenkatalog des Informel entnommen. Da muss sich die Welt endgültig dem künstlerischen Willen beugen.

          Dabei ist das neuerliche Interesse an der Straßenfotografie ja vielleicht gerade einer Hinwendung zur Wirklichkeit geschuldet. In Magazinen mag die Gattung kaum noch eine Rolle spielen. Aber seit einigen Jahren rückt sie auf dem Kunstmarkt in den Fokus. Und mehr noch verbreitet sie sich über die sozialen Netzwerke. Auf Instagram findet man unter dem Hashtag streetphotography mehr als 45 Millionen Beiträge, und aller juristischen Bedenken zum Trotz werden es täglich mehr – fast so, als könne man sich inmitten des Lebens Überfluss nur noch mit Bildern selbst vergewissern und in der Beobachtung der anderen seiner eigenen Position bewusst werden. Am Schnittpunkt von Schnappschuss, Reportage und Dokumentation wird die Straßenfotografie zu einer Art Anker. Dass unter dem Hashtag auch Tausende Selbstporträts stehen, könnte genau damit zu tun haben.

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