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Ausstellung in Hamburg : Ikonen der amerikanischen Kunst

  • -Aktualisiert am

Blick in die Ausstellung „Amerika!“ in Hamburg Bild: Ulrich Perrey/Bucerius Kunst Forum

Eine Hamburger Ausstellung fragt, was Disney, Warhol und die CIA gemein haben. Zum Vorschein treten prädigitale Kunst des letzten Jahrhunderts und Pop-Moderne der Vergangenheit in neuem Glanz.

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          „See America First“ steht auf dem Werbezettel, den ein ärmlich gekleideter Indianer in der Hand hält. Die patriotische Reklame für Ferien in der amerikanischen Heimat, die der Ureinwohner gerade aus seinem klapprigen Briefkasten gefischt hat, versetzt ihn in betrübte Ratlosigkeit.

          Diese Szene, gemalt 1938, ist eines von mehr als dreihundert Titelbildern, die Norman Rockwell zwischen 1916 und 1963 für die Zeitschrift „Saturday Evening Post“ gestaltet hat. Wer die Galerie dieser detailreichen, sorgfältig komponierten Illustrationen im Hamburger Bucerius Kunst Forum entlangschlendert, erlebt eine Chronik des gehobenen amerikanischen Way of Life zwischen Sportplatz und Büro, Schule, Salon und Straßenkreuzer, die fast ein halbes Jahrhundert umspannt. Sein Fotorealismus, versetzt mit milder Satire und sentimentalen Einsprengseln hat den 1978 gestorbenen Rockwell zu einem der bis heute populärsten Künstler in den Vereinigten Staaten gemacht. Seine Spuren finden sich in Filmszenen von Steven Spielberg ebenso wie in Lana Del Reys neuestem Album „Norman Fucking Rockwell“. In Deutschland hingegen ist Rockwell der am wenigsten bekannte der vier Künstler, die das Bucerius Kunst Forum unter dem Titel „Amerika! Disney, Rockwell, Pollock, Warhol“ präsentiert.

          Die Zusammenstellung dieses Quartetts ist nicht durch stilistische oder thematische Gemeinsamkeiten motiviert, sondern durch seinen popkulturellen Rang: Walt Disney, Norman Rockwell, Jackson Pollock und Andy Warhol firmieren als Ikonen der amerikanischen Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, die für eine Verflüssigung der Grenzen zwischen Hochkultur und Unterhaltung, elitärer Ästhetik und massentauglichen Effekten stehen. Und auch eine politische Botschaft soll die Ausstellung nach dem Willen ihrer Organisatoren transportieren. Im Schatten von Donald Trumps „America First“ sollen die Werke von einem besseren, cooleren Amerika künden, von dem Amerika, das den Westdeutschen nach 1945 zum Vorbild kreativer Freiheit wurde und das nun als nostalgischer Gegenentwurf zur aktuellen Situation dient.

          Zum Glück benötigt die Ausstellung diesen wackelig konstruierten moralpolitischen Überbau nicht, sie wird getragen durch die Qualität ihrer rund 170 Exponate und eine kluge Präsentation, die Kathrin Baumstark als Kuratorin besorgt hat. Die Werke verteilen sich, nach Künstlern getrennt, auf vier Räume, die durch unterschiedliche Wandfarben voneinander abgehoben sind, aber ineinander übergehen. So fällt es dem Besucher leicht, Querverbindungen zwischen Künstlern, Stilen und Epochen aufzuspüren, wenn er sich nicht einfach nur der Farbenpracht, handwerklichen Brillanz und erzählerischen Spannung der Werke überlassen möchte.

          Am meisten zu entdecken gibt es bei Norman Rockwell, der zum ersten Mal in Deutschland einem breiten Publikum präsentiert wird. Er ist in seinen Sujets wie in seiner Arbeitsweise der Prototyp des zwischen Hoch- und Gebrauchskunst pendelnden „Middlebrow“-Künstlers. Die unmittelbare Vorstufe seiner Plakate und Zeitschriftenillustrationen bilden oft Ölgemälde, denen wiederum Fotografien und zeichnerische Studien vorausgehen. Beispielhaft kommen Rockwells malerische und narrative Fähigkeiten zur Geltung in einer dunstig-fahl beleuchteten Boxszene von 1941. Dominiert wird das Querformat von einer jungen Frau in eleganter Abendkleidung, die, vor dem Ring stehend, mit empört-verächtlicher Miene auf ihren k. o. geschlagenen Freund blickt. In seiner gekonnten Kombination von individueller Figurengestaltung mit plakativer Dramatik, getaucht in eine Atmosphäre aus weiblicher Erotik und verschwitzter Männlichkeit, wirkt das Bild wie eine Hemingway-Story in Öl.

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