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Ausstellung in Halle : Klimt lässt nicht nur die Kassen klimpern

Wer das anschaut, versteht mehr: Die Moritzburg in Halle zeigt das Werk des Malers, der mehr zu bieten hat als Küsse und Adeles.

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          Das hat man in Halle lange nicht gesehen: eine Besucherschlange, die sich vor dem Kunstmuseum Moritzburg bisweilen derart weit aufstaut, dass die Menschen aus dem Burghof hinaus stehen. Anlass dazu ist eine Ausstellung mit Werken von Gustav Klimt, die einzige, die außerhalb Österreichs im hundertsten Todesjahr des Malers auf unserem Kontinent ausgerichtet wird. Diese Zurückhaltung hat ihren Grund nicht darin, dass die europäischen Museen denkfaul wären oder Besuchermassen scheuen würden.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Sie hat auch (noch) nichts damit zu tun, dass Klimt im Umgang mit seinen weiblichen Modellen kein Kind von Traurigkeit war (um es vorsichtig auszudrücken). Oder damit, dass man sich doch endlich sattgesehen hätte an den millionenfach reproduzierten Küssen und Adelen. Nein, es gibt einfach zu wenige Klimts außerhalb Österreichs. In Deutschland zum Beispiel nur vier Gemälde, und eines davon eben in der Moritzburg in Halle, das Porträt einer Wiener Millionärsgattin namens Marie Henneberg, gemalt 1902. Es ist hier seit 1966 zu sehen.

          Handwerkliche Tradition und moderne Psychologie

          Wie das Bildnis einer Bourgeoise zu DDR-Zeiten dort hinkam? Ganz anders, als es bei vielen anderen Klimt-Werken der Fall war, die im Österreich der Nazizeit ihren oft jüdischen Eigentümern weggenommen worden waren, bevor diese vertrieben oder gar ermordet wurden. Marie Henneberg selbst hatte ihr Porträt schon in den zwanziger Jahren, nach dem Tod ihres Mannes Hugo, an einen gemeinsamen Leipziger Bekannten, den Musikverleger Max Kuhn, verkauft. Dessen Erbin wiederum gab das Bild 1966 als Leihgabe in die Nachbarstadt Halle und verkaufte es 1979 endgültig ans dortige Museum.

          Die Ausstellung läuft im Landeskunstmuseum Moritzburg noch bis zum 6. Januar.

          Über die Umstände dieses Erwerbs wüsste man gerne noch mehr (auch die DDR war ja kein Kind von Traurigkeit, um es euphemistisch auszudrücken), aber mit diesem Porträt hatte die Moritzburg auf jeden Fall das zurückgewonnen, was ihr in den dreißiger Jahren durch die Beschlagnahmung von Lyonel Feiningers damals als „entartet“ geltendem Halle-Gemäldezyklus verlorengegangen war: ein Schlüsselwerk der Moderne. Denn mit Marie Hennebergs Bildnis findet Klimt zu sich und damit zu einer Kunst, die aller wohlfeilen Plakativität zum Trotz das zwanzigste Jahrhundert entscheidend geprägt hat: durch das Ineinanderwirken von handwerklicher Tradition und moderner Psychologie. Freud und er waren ja nicht zufällig Zeitgenossen in jenem Wien, dem als intellektuelles Experimentallabor des Fin de Siècle als einzige Stadt noch Paris das Wasser reichen konnte.

          Beide, Klimt wie Freud, waren Wiener durch und durch, und beide hatten dieselbe Klientel: das neureiche Großbürgertum, das die selbstempfundenen Mängel seines gesellschaftlichen Aufstiegs durch Kunst und Analyse zu bewältigen versuchte. In Klimts ätherischen Frauenfiguren – Männer porträtierte er nicht, und auch in seinen symbolistischen Großentwürfen, die ihn bei den Zeitgenossen berühmt-berüchtigt machen sollten, sind sie rar – stellen die Gesichter Spiegelbilder ihres äußeren wie inneren Status dar, sei es als femmes fatales oder femmes engagées. Entsprechend werden sie als Ideale einer Erfahrungsseelenkunde betrachtet, die im zwanzigsten Jahrhundert einen weltweiten Siegeszug angetreten hat, und deshalb sind die nicht einmal zwanzig Damenporträts, die Klimt von 1898 bis zu seinem Tod 1918 gemalt hat, über den ganzen Globus verteilt.

          Keinesfalls eine Verlegenheitslösung

          Dass man in Halle für die Ausstellung das eigene noch um zwei weitere ergänzen konnte – das 1914 vollendete von Eugenia Primavesi, das heute im japanischen Toyota hängt, und das unvollendete, aber umso faszinierendere der Amalie Zuckerkandl von 1917 aus dem Wiener Belvedere –, darf man also Sensation genug nennen, wenn auch zwei russische Besucherinnen gegenüber einer Aufsicht bittere Klage darüber führten, dass kein Porträt der Adele Bloch-Bauer in der Ausstellung zu finden ist.

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