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Fotoinstitut-Pläne : Bilder sind unser Gedächtnis

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Wohin nur mit all den Bildern? Eine Frage, die sich jeder Künstler irgendwann stellt. Und bei deren Beantwortung nun der Staat helfen will. Bild: dpa

Düsseldorf oder Essen? Niemand zweifelt an der Notwendigkeit eines Zentrums für Fotografie. Andreas Gursky und die Grütters-Kommission haben unterschiedliche Visionen.

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          Aktuell steht die Generation von Künstlern und Künstlerinnen, die maßgeblich zum Siegeszug der Fotografie als Kunst beigetragen hat, vor der wichtigen Frage, wie jenseits des Verbleibs ihrer Werke im musealen Raum zukünftig mit ihren Archiven umgegangen wird. Auch dieses Material ist schützenswert, wie der amerikanische Fotograf und Theoretiker Allen Sekula schon in den achtziger Jahren hervorhob, als er schrieb, dass sich mit dem Aufzeichnen, Sammeln und Speichern von Daten nicht nur Ordnungsprinzipien und damit Prozesse der Auswahl erkennen ließen, sondern auch ein tieferes Verständnis gelebter Zeit und ihrer Kultur.

          Die Frage nach einem institutionalisierten Umgang mit Vor- und Nachlässen von Fotografen und ihrem Material ist also dringlich, sogar entscheidend für die Etablierung eines umfangreichen Wissens über die Anwendungsformen, Methoden und Inhalte der fotografischen Bildkultur unserer jüngsten Vergangenheit.

          Fotos sind Kulturerbe

          Dies hat auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters erkannt und lud im Sommer vergangenen Jahres zu einer Podiumsveranstaltung in die Akademie der Künste in Berlin. Hier setzte sie „den systematischen Schutz des fotografischen Kulturerbes“ auf ihre Agenda und trat für die Gründung einer zentralen Einrichtung ein, die „das künstlerische Erbe herausragender deutscher Fotografinnen und Fotografen bewahrt“, mithin „das bildhafte Gedächtnis unserer Gesellschaft“. Ein Expertenteam rund um den Kurator Thomas Weski sollte dieses Vorhaben mit einem Konzept konturieren.

          Jetzt liegen die Empfehlungen der Kommission, der zudem die Fotohistorikerin Ute Eskildsen, Thomas W. Gaehtgens, ehemals Getty Research Institute, und die Fotorestauratorin Katrin Pietsch angehören, vor. Sie waren mit Spannung erwartet worden. Nicht nur weil der Umgang zur Sicherung unseres visuellen Kulturerbes zur Verhandlung steht, sondern auch weil sich eine ganze Reihe weiterer Akteure und Institutionen im Vorfeld in Stellung brachten und zum Teil konkrete Ansprüche anmeldeten. Allen voran der auf Initiative des Künstlers Andreas Gursky gegründete Verein zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts e.V. unter dem Vorsitz von Gurskys Schüler Moritz Wegwerth.

          Die Kunst retten

          Der Verein preschte inhaltlich vor, indem die beiden Herren in einem Interview mit dem Magazin Spiegel das von Monika Grütters angedachte Institut im eigenen Sinne interpretierten und abweichend gerade nicht die Sicherung von Archivmaterialien und ihre Erforschung vorsahen, sondern die Entwicklung von Zertifizierungsverfahren, mit denen neue Abzüge von großformatigen Farbfotografien möglich werden sollen. Also ein anderer Ansatz, mit dem nicht Archivalien, sondern das Originalwerk und seine Erhaltung oder Erneuerung im Zentrum stehen. Dass es dem Verein zugleich gelang, das Land Nordrhein-Westfalen von diesem Entwurf, den die Öffentlichkeit bis heute nicht kennt, zu überzeugen, mutete allerdings seltsam an. Und auch dass der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages mutmaßlich an Grütters vorbei im November 2019 prompt 41,5 Millionen Euro für dieses Vorhaben bewilligte, erstaunte. Die Landesregierung NRW wollte offensichtlich Fakten schaffen, begrüßte diese Entscheidung, stellte klar: „Ort des neuen Instituts wird die Landeshauptstadt Düsseldorf sein, dazu soll ein Neubau im Düsseldorfer Gebäude- und Gartenensemble Ehrenhof entstehen“, und kündigte zudem die Kofinanzierung an

          Mit diesem Schachzug wurde nicht nur der Arbeitsprozess der von Grütters einberufenen Expertengruppe konterkariert, sondern auch die Kulturstaatsministerin unter Druck gesetzt, die sich „über diese Initiative auch ein bisschen gewundert“ hat. Die Situation war also aufgeladen und unübersichtlich. Deutlich wurde, dass verschiedene Akteure zielsicher aneinander vorbeisteuerten, um Deutungshoheiten rangen und darum, sich gute Ausgangsbedingungen zu schaffen. Das tat der Sache nicht gut. Die Dynamiken verschoben die Debatte weg von der inhaltlichen hin zur nachgeordneten Frage des Standorts.

          Denn die entscheidende Frage, welcher Idee das Institut letztlich folgt, welches Material in das Haus eingehen soll und welche Infrastruktur es dafür braucht, rückte zusehends in den Hintergrund. Ebenso wie die Frage, ob nicht ein dezentral agierendes Institut, das länderübergreifend die Aktivitäten bereits bestehender fotografischer Sammlungen und Archive unterstützt und erweitert, ausreicht oder ob es tatsächlich einen neuen, eigenen Ort braucht.

          Eile tut Not

          Die Kommissionsmitglieder bewegten sich also in vermintem Gelände, und man fragte sich im Vorfeld, ob es ihnen gelingen würde, mit ihren Empfehlungen den unterschiedlichen Interessen Rechnung zu tragen, sie zusammenzuführen und vor allem auch wieder einen größeren Horizont in den Blick zu nehmen. Eine erste Durchsicht des Konzepts zeigt, dass die Kommission klug gearbeitet hat. Sie hat nicht nur die Infrastrukturen bestehender Häuser präzise sondiert, sondern darüber hinaus auf der Grundlage von mehr als siebzig Gesprächen mit Vertretern aus Kunst und Wissenschaft sowie mit Museen und Archiven umsichtig die notwendigen, jetzt zu initiierenden Schritte definiert. So konnte sie ihre Visionen für ein Institut für Fotografie auf eine breite, fundierte Basis stellen. Sie tritt explizit, das ist die wichtigste Botschaft, für die zentrale Errichtung eines Bundesinstituts ein, dass „Wissen und Exzellenz produziert, Standards setzt, die Zusammenarbeit fördert und so Leuchtturmfunktion hat“.

          Als Hauptaufgaben des neu zu gründenden Instituts nennt das Konzept „die Sicherung, Bewahrung und Aufarbeitung von Vor- und Nachlässen herausragender deutscher Fotografen und Fotografinnen“, eine Aufgabe, mit der zügig begonnen werden muss, so Thomas W. Gaethgens, bevor der Forschung die Archive verlorengehen und das intellektuelle und materielle Vermächtnis nicht mehr geschützt werden kann. Außerdem, auch dies eine wichtige Botschaft, soll das Bundesinstitut die notwendige Forschung zu Fragen der Restaurierung und Konservierung vorantreiben, deren Ergebnisse auch anderen, bereits bestehenden Einrichtungen zugutekommen sollen. Die Kommission hat sich also auch den Problemlagen gestellt, die mit der Düsseldorfer Initiative deutlich wurden, etwa einen geregelten Umgang mit hochsensiblem Material.

          Die Forschung präsentieren

          Transparenz war ein weiteres wichtiges Stichwort: Forschung muss öffentlichkeitswirksam vermittelt werden und internationale Wissenschaftler anziehen. Deshalb sieht die Kommission nicht nur die Konservierung und Katalogisierung von Vor- und Nachlässen vor und strebt durch digitale Plattformen eine bundesweite Vernetzung mit bereits bestehenden Instituten an, sondern sieht außerdem vor, durch Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen Sichtbarkeit für die Arbeit des Hauses herzustellen. Dabei ist es der Kommission wichtig, keinesfalls in Konkurrenz mit bestehenden Häusern zu treten; im Gegenteil: Hier sollen in Kabinettausstellungen Ergebnisse aus der Forschung vorgestellt werden.

          Man darf gespannt sein, wie diese Empfehlungen in Düsseldorf ankommen. Mit der Initiative rund um Andreas Gursky manövrierte sich der Künstler und mithin die Düsseldorfer Schule, für die er steht, in eine schwierige Situation. Denn hier klang ein Anspruchsdenken an, das kritisch hinterfragt werden musste. Auch diese empfindliche Stimmung hat die Kommission aufgenommen und steht daher dafür ein, dass „für die Auswahl der Sammlungsbestände die Leitung des Bundesinstituts für Fotografie unter Mitwirkung eines wissenschaftlichen Beirats zuständig sein soll“. Dieser Beirat muss, so möchte man hinzufügen, länderübergreifend eingerichtet werden. Denn jetzt – zumal dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung – muss es darum gehen, die gesamtdeutsche Szene einzubeziehen und entsprechend zu vernetzen.

          Und wohin damit?

          Auch die Frage, wo das Bundesinstitut für Fotografie zukünftig seinen Ort finden soll, wurde erörtert. Die Stadt Essen hatte bereits im Januar einen Vorstoß unternommen und kündigte an, dass sie die Aktivitäten, die vom Ruhrmuseum, dem Museum Folkwang, der Folkwang Universität der Künste und dem Historischen Archiv Krupp ausgehen, noch stärker als in der Vergangenheit zusammenführen will. Das klang nicht nur wie eine weitere Bewerbung im Rennen um den Standort, sondern war es auch. Die Kommission nun „sieht hier eine hervorragende Konzentration von Einrichtungen und vorhandener Sachkompetenz zum Schwerpunkt Fotografie“, und sprach sich für den Standort Essen, konkret für ein Grundstück auf dem Welterbecampus der Zeche Zollverein, aus.

          Mit einem Standort in NRW könnten die bereits vom Haushalt bewilligten und vom Land in Aussicht gestellten Gelder im Spiel bleiben. Auch aus diesem Blickwinkel hat die Kommission also klug agiert, auch wenn sie sich von Zwängen im Entscheidungsfindungsprozess um den Standort freisprach. Grütters sieht mit dem Votum der Experten für den Standort Essen eine „Vorabentscheidung“ gegeben und kündigte die Beauftragung einer entsprechenden Machbarkeitsstudie an – fügte dann aber hinzu, dass auch „der Standort Düsseldorf für etwaige Kooperation“ nochmals geprüft werden solle. Damit steht zu befürchten, dass das politische Ränkespiel weitergeht.

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