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Kirchners „Soldatenbad“ : New Yorker Guggenheim restituiert

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Das New Yorker Guggenheim restituiert ein Bild von Ernst Ludwig Kirchner an die Erben des bekannten jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim. Damit setzt das Haus Maßstäbe, auch für deutsche Museen.

          Als am Donnerstagabend das Guggenheim Museum die Restitution eines weltbekannten Gemäldes bekanntgegeben hat, war das nicht nur ein Zeichen eigener Größe. Die Rückgabe an die Erben des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheim ist auch ein Signal an zahlreiche deutsche Museen, die in anderen Flechtheim-Fällen eine Rückgabe bis heute hinauszögern oder mit nicht belegten Argumenten ganz verweigern.

          Schon vor einigen Wochen hatte sich das Moderna Museet in Stockholm gleich verhalten und ein Porträt von Oskar Kokoschka an Flechtheims Großneffen Michael Hulton restituiert. Für sein Haus und für die schwedische Regierung sei es „von außerordentlicher Wichtigkeit, keine Kunstwerke mit einer fragwürdigen Provenienz in der Sammlung zu haben“, hatte Direktor Daniel Birnbaum erklärt.

          Ganz ähnlich äußert sich nun Guggenheim-Direktor Richard Armstrong: „Nach einer umfangreichen Untersuchung der außergewöhnlichen Umstände rund um dieses Werk und in Übereinstimmung mit der Washingtoner Erklärung von 1998 sind wir sehr zufrieden, dass es an die Hultons zurückgegeben wird.“

          Notiz stellt bisherige Provenienzgeschichte in Frage

          Das Bild, um das es geht, ist eine Ikone der Moderne. Ernst Ludwig Kirchner malte das 1,40 mal 1,50 Meter große „Soldatenbad“ 1915 unter dem Eindruck seines eigenen Kriegseinsatzes. Gut ein Dutzend nackte Männer stehen in einem Duschraum, den ein uniformierter Unteroffizier bewacht. In der Mitte glüht ein großer Heizofen. Die gleichförmig gelb gemalten kantigen Körper und genormten Gesichter gehören keinen Individuen mehr. Die Enge, die metallenen Rohre, die scharfen Wasserstrahle begrenzen einen Raum der absoluten Unfreiheit.

          Kirchner selbst hatte sich zu Beginn des Ersten Weltkriegs freiwillig gemeldet, wurde aber schon nach wenigen Monaten wegen eines Nervenzusammenbruchs beurlaubt. Das „Soldatenbild“ gilt nicht nur als Verarbeitung seines eigenen Leidens. Es wird auch als unbewusste Vorausahnung der als Duschräume getarnten Gaskammern in den Vernichtungslagern der Nazis interpretiert.

          Bei Recherchen über das Bild war man nun auf eine Notiz gestoßen, die die bisherige Provenienzgeschichte in Frage stellte. Bislang hieß es, dass Flechtheim das „Soldatenbad“ schon 1928/29 an das Städtische Kunstmuseum Düsseldorf verkauft habe, wo es 1937/38 als „entartet“ beschlagnahmt und an den US-Unternehmer Morton D. May verkauft worden sei. So stellt es auch die an zahlreichen Punkten unzuverlässige Flechtheim-Website dar, die 15 deutsche Museen vor vier Jahre eingerichtet hatten, ohne die Familie des Kunsthändlers um Erlaubnis zu bitten.

          Tatsächlich tauschte Flechtheim das Bild 1930 gegen eine Kleinskulptur von Ewald Mataré zurück. Flechtheim-Anwalt Markus Stötzel konnte belegen, dass Flechtheims Nichte Rosi Hulisch, die sich 1942 vor ihrer drohenden Deportation in ein Konzentrationslager das Leben nahm, mehrfach vergeblich versucht hatte, das Kirchner-Gemälde zu verkaufen.

          Marktwert im achtstelligen Dollar-Bereich

          Nach Flechtheims Tod gelangte das „Soldatenbad“ 1938 auf ungeklärtem Weg an das NSDAP-Mitglied Kurt Feldhäusser. Ihm gelang es während der NS-Zeit, eine außergewöhnliche Expressionistensammlung zusammenzutragen; manche dieser Werke waren als „entartet“ aus deutschen Museen beschlagnahmt worden, andere stammten aus ehemaligem jüdischen Privatbesitz. Als Feldhäusser 1945 starb, verkaufte dessen Mutter das Kirchner-Gemälde über die Weyhe Gallery in New York an Morton D. May, über den es 1956 zunächst ins Museum of Modern Art und dann 1988 im Zuge eines Bildertauschs ins Guggenheim Museum fand.

          Nach Abschluss der gemeinsamen Recherchen kamen das Museum und die Flechtheim-Erben nun überein, das „Soldatenbad“ als NS-verfolgungsbedingt verloren anzusehen und im Sinne der „Washingtoner Prinzipien“ zurückzugeben. Das Bild hat das Museum bereits verlassen, auf der Guggenheim-Website wird es nicht mehr aufgeführt. Der Marktwert des Gemäldes dürfte dessen kunst- und zeitgeschichtlichen Wert widerspiegeln und im achtstelligen Dollar-Bereich liegen.

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