https://www.faz.net/-gqz-6wtqs

Grützke in Nürnberg : Enorme Häupter sehen dich an

  • -Aktualisiert am

Eine monumentale Retrospektive in Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ehrt Johannes Grützke. Der Künstler zeigt sich dort als ein Universaldarsteller der Gegenwart.

          Im Herbst dieses Jahres wird Johannes Grützke fünfundsiebzig. Er blieb bis heute ein selbstbewusster Einzelgänger, ein auffälliger Außenseiter. Schon das ist eine große Lebensleistung. Kraftvoll hat er den Fortschrittsmythen und dem Gruppenreglement des Kunstbetriebs widerstanden. Grützke blieb ein Dissident im freien Land, das in seinen inneren Zirkeln keineswegs frei ist. Wie unfrei die Kunstszene ist, zeigt sich daran, dass keines der großen Museen, die einträchtig-folgsam die Konsenskünstler repetieren, seine Bilder ausstellt. Der West-Berliner Grützke teilt damit das Schicksal der gleichfalls stigmatisierten Ostkünstler, mit denen ihn, außer dem politisch-gesellschaftlichen Rahmen, immer viel verbunden hat.

          Grützkes aufsässiger Einfluss reicht heute womöglich bis zu den grimassierenden Pop-Dissidenten und Polit-Clowns Chinas. Manche Beziehungen spielen auch hinüber zu den Figurenritualen, zur Inszenierung von Männer- und Frauenrollen auf den Bildern des jüngeren Neo Rauch, des einzigen Ostkünstlers, der die absurden Sperrlinien der Westkunst überwinden konnte.

          Eine monumentale Würdigung

          Das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg demonstriert in diesem Winter eindrucksvoll seine Unabhängigkeit und nationale Verantwortung mit einer imponierenden Grützke-Schau, die im Riesensaal des Neubaus „Werke und Dokumente“ vereinigt. Das „Germanische“ baut nach dem Vorbild des Marbacher Literaturmuseums ein „Deutsches Kunstarchiv“ auf und sammelt systematisch Nachlässe, aber auch schon „Vorlässe“ von Künstlern, Kunstwissenschaftlern, Künstlerverbänden, Galeristen und Verlegern. Das Museum bedankt sich für das Vertrauen und die Überlassung der Bestände mit der Ausrichtung einer monographischen Ausstellung, die jetzt im Fall Grützke zu einer hochverdienten, monumentalen Würdigung geriet.

          Der Nürnberger Parcours ist in biographische und thematische Stationen gegliedert. Das Leben, das Werk, die Phantasien und Obsessionen des Malers erschließen sich im Rundgang: vom Atelier mit seinen Fundstücken und Kuriositäten, den bizarr verspiegelten Selbstdarstellungen des Künstlers und den Rollenspielen der Geschlechter über die eigenwillig inspirierten Historienbilder, die Entwürfe für das Theater - hier fand Grützke in Peter Zadek seinen Traumpartner -, die Beiträge für die Buchkunst und den Film bis zu seinen Gastspielen als „Erlebnisgeiger“, den Aktionen, Happenings und monomanen Redeauftritten. Den Beschluss macht ein Panoptikum seiner Porträtkunst. Selten sieht man eine so übermütige, lebenslustige und sinnenstrotzende Ausstellung, die gleichzeitig zeitgeschichtliche Interessen befriedigt. Selten auch trifft man im Museum auf so inspirierte Besucher, die sich lustvoll und lächelnd sogar in die Archivalien vertiefen.

          „Ich bin der Widerspruch!“ ist seine Devise

          Grützke ist ein zeitgenössischer Universaldarsteller. Er brilliert nicht allein in der Vielfalt seines Fachs als Maler und Graphiker, sondern auch in der exzentrischen Praktizierung eines erweiterten Kunstbegriffs und der ominösen Gleichsetzung von Kunst und Leben. Über die Atelierherrschaft hinaus dehnt er seinen Kunstbegriff auf alle Schauplätze und Bühnen des Lebens aus. Grützke tritt auf, interveniert, mischt sich unters Volk, sorgt für Aufsehen und produziert Anstößigkeiten. Er protestiert, fordert heraus, widerspricht, übertreibt, macht sich lustig, entlarvt, fällt aus der Rolle und versucht darüber neue Rollen zu finden. Er unterminiert Konventionen und Autoritäten, sprengt festgefügte Geschichtsbilder und sucht nach neuen Deutungen und Sinngebungen, die er naturgemäß nur in drastischen Umwertungen, in heiklen Ambivalenzen und paradoxen Fixierungen finden kann. Der Maler ist bekennender Traditionalist - mit den „Meistern der Vergangenheit“, mit Caravaggio und Jordaens „neben sich am Tisch“ -, aber entfesselt und parodiert zugleich die Vorbilder und treibt die Malerei zu Exzessen.

          Weitere Themen

          Ein Präsident im Kunst-Hangar

          Art Berlin : Ein Präsident im Kunst-Hangar

          Die junge Sammlergeneration sollte aufmerksam sein! Die Messen „Art Berlin“ und „Positions“ geben sich international, politisch und ein kleines bisschen feministisch.

          Topmeldungen

          IAA : Draußen Protest, innen leuchtende Männeraugen

          Wo der SUV noch artgerecht gehalten wird: Unsere Autorin war auf der Automesse unterwegs. Die Autohersteller reagieren auf den zunehmenden Druck mit ihrer elektrischen Charmeoffensive – die Publikumsmagneten findet man jedoch an anderer Stelle.

          Klimawende : Für eine Transformation mit Herz

          Uns erwartet ein sozial-ökologischer Umbau der Gesellschaft. Doch das muss man den Bürgern, die zwar für Klimawandel, aber kaum für persönliche Einschnitte sind, auch sagen. Ein Gastbeitrag.

          NPD-Ortsvorsteher in Hessen : Ein netter Kerl

          In einem Dorf wird ein NPD-Mann zum Ortsvorsteher gewählt. Die Aufregung ist groß, im Ort selbst findet man das nur halb so wild. Eindrücke aus Altenstadt-Waldsiedlung.
          Die Vorsitzende des Ressemblement National (RN), Marine Le Pen, nach ihrer Rede in Fréjus an der Cote d’Azur

          Wahlkampf von Le Pen : Seriosität statt Häme

          Statt nach Rechts und Links Sticheleien zu verteilen, gibt sich Marine Le Pen bei ihrer Comeback-Rede staatstragend. Für ihr Ziel, den Einzug in den Elysée-Palast 2022, hat die Vorsitzende des Rassemblement National eine Strategie.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.