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Ground Zero : WTC-Gedenkstätte: Die Entwürfe der Finalisten

  • -Aktualisiert am

Nach Monaten der Geheimhaltung sind acht Entwürfe für ein Mahnmal bei Ground Zero präsentiert worden. Ein jeder von ihnen wäre akzeptabel - mehr aber auch nicht. Die Mahnmalsdebatte kann beginnen.

          Ein genialischer Busfahrer aus Xianyang, den der Angriff auf Amerikas Symbole des Wohlstands und der Macht veranlaßt hätte, einem fettigen Blatt Reispapier seine Vorstellung von einer Gedenkstätte für die Terroropfer anzuvertrauen, ist nicht darunter. Allesamt sind die Finalisten, deren Entwürfe jetzt in Sichtweite von Ground Zero enthüllt wurden, Fachleute, allesamt Profis aus der Welt der Architektur und des Designs. Und fast allesamt sind sie jung, stehen offenbar am Beginn ihrer Karriere und geben New York als ihren Wohnsitz an.

          Ein erstaunliches Ergebnis für ein anonymes Auswahlverfahren, das jedem Erdenbürger offenstand und Einsendungen aus immerhin dreiundsechzig Ländern in Empfang nehmen konnte. Nun aber durften die Auserwählten nicht einmal über sich selbst Auskunft geben. Um nicht wieder ein Medienspektakel auszulösen, das, wie beim Gerangel um den Masterplan für Ground Zero, von Medienkampagnen der eingeladenen Großarchitekten genährt wurde und den Blick auf die Entwürfe mit dem Medienappeal der Entwerfer verstellte, hielt sie die Lower Manhattan Development Corporation diesmal streng unter Verschluß. Neben ihren Modellen kamen sie lediglich in einer Videopräsentation zu Wort, mußten indes sämtliche Interviewwünsche abschlagen. Es war nicht die schlechteste aller Lösungen, denn in der Tat konnten so die Entwürfe für sich selbst sprechen. Was sie zu sagen hatten, genügte.

          Acht von 5201

          Acht Entwürfe sind von den 5201 eingereichten übriggeblieben. Daß sie in ihrer Vielfalt eine unübersehbare Gleichheit nicht vermeiden, ist nicht zuletzt den Wettbewerbsregeln zuzuschreiben. Jedes Opfer der Anschläge von New York, Washington und Pennsylvania war individuell zu würdigen. Familienangehörige der Opfer sollten, über den für die Allgemeinheit bestimmten Gedenkraum hinaus, einen nur für sie bestimmten Bereich der Kontemplation finden. Eine Ruhestätte für sterbliche Überreste, die nicht identifiziert werden konnte, mußte ausgewiesen werden.

          Nichts aber war für den Designprozeß gravierender als die Auflage, die Grundrisse der beiden Türme in irgendeiner Form sichtbar werden zu lassen und dabei bis zum bedrock, zum Urgestein von Manhattan vorzudringen. Diese materiellen Eigenschaften wurden im strengen Wunschkatalog um die immateriellen ergänzt. So war die Rede vom „ewigen Signalfeuer“, vom Erinnern und Ehren und von Ausdrucksformen, die lebensbejahend und friedenserhaltend weder Haß noch Intoleranz eine Chance geben. Dazu kamen die kräftigen Stimmen von außen, die, wie der Architekt Michael Sorkin, als Antwort auf den Terror einen demokratischen Versammlungsraum oder, wie der Literaturkritiker Leon Wieseltier, als Ausdruck des Schreckens eine „große, furchteinflößende, nutzlose Leere“ einforderten.

          Eine neue Erfahrung

          Die Leere hat das Design nicht überlebt. Allenfalls im architektonischen Rahmen wird sie als weiteres Designelement verwendet. Was freilich noch nicht unbedingt bedeutet, daß Ground Zero und Umgebung den Dekorateuren und Developern gehört. Die Entwürfe für die Gedenkstätte haben jedoch abermals bekräftigt, daß der Brennpunkt des ganzen Gebietes, mag es nun auch am Rande immer mehr von den Vorstellungen der Investoren geprägt werden, ein Ort der Erinnerung ist. Ground Zero bleibt nicht leer, aber der Blick von dort wird zurück in die Vergangenheit schweifen. Für Amerika ist das, in dieser Intensität und Dimension, eine neue Erfahrung.

          In den Entwürfen wird Erinnerung mit Votivkerzen beschworen, die über einer spiegelnden Wasserfläche hängen. Oder mit rauschenden Wasservorhängen und gläsernen Mauern, in die alle Namen der Opfer eingeritzt sind. Oder, wie das Team um die deutschstämmige, in New York praktizierende Architektin Gisela Baurmann vorschlägt, mit aus dem Boden strahlenden Lichtkreis. Oder mit einem personalisierten Stelenfeld, das sich, umgeben von einem „Tränenpool“, auf den Grundrissen der Türme wie auf einer schwimmender Insel ausbreitet.

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