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Großskulptur in Oberhausen : Christos Bad aus Luft

Das „Big Air Package“ im Oberhausener Gasometer Bild: REUTERS

Zuerst kam er mit Ölfässern, jetzt hat der Künstler Christo in Oberhausen Luft verpackt. Was macht seine riesige Skulptur „Big Air Package“ mit unserem Blick?

          2 Min.

          Das größte Osterei des Landes schwebt in Oberhausen. Die Idealform erreicht es zwar nicht, keine Bemalung hebt es heraus, und Füllung hat es auch keine - und doch, hohl und luftig, mehr Substanz als alle anderen. In den Gasometer, die von der Montanindustrie aufgegebene Dose in XXXL, die zum Wahrzeichen der Stadt wurde, hat Christo seine Installation „Big Air Package“ gesetzt, die - werbewirksam gesprochen - „größte bisher geschaffene Innenraumskulptur der Welt“.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Mit einer Höhe von 94 und einem Durchmesser von 54 Metern füllt die weiße, halbtransparente Hülle, die aus sechshundert dünnen Stoffbahnen zusammengesetzt ist und aufgeblasen ein Volumen von 177.000 Kubikmetern erreicht, den zylinderförmigen Raum nicht ganz aus, so dass sie von außen und von innen zu besichtigen ist. Ein gläserner Panoramaaufzug an der Innenwand des Gasometers hebt den Besucher auf eine Aussichtsplattform, die auf die mit Seilen vertäute Außenhaut blicken lässt: Zwei Gebläse halten die Skulptur, die durch ein Dachfenster und sechzig Strahler beleuchtet wird, ständig prall.

          Dieses Weiß hat viele Farben

          Dass die Konstruktion im Innern des „Big Air Package“ unsichtbar bleibt, erhöht die geheimnisvolle Aura. Eine Drehtür, die als Luftschleuse fungiert, führt hinein: Auf der in vier Meter Höhe arretierten Gasdruckscheibe überwölbt eine in diffusem Licht verblassende Kuppel den Raum, dessen Höhe sich nur schwer abschätzen lässt. Das Viertelrund einer Treppe bietet Sitzgelegenheiten, das Auge sucht Halt und findet nur die Ringe der Nahtstreifen und die durchscheinenden Seile. Wie zarte Bleistiftstriche auf Papier bilden sie sich auf der Decke ab. Fesselballon, Iglu, Lichtdom, Eishöhle - ein Raum, der sich hauchdünn abtrennt von der Welt und von einer Atmosphäre der entspannten Andacht beseelt ist.

          Kunst : Christo präsentiert „Big Air Package"

          Eine Transformation wird vollendet. Der 1988 nutzlos gewordene Industriegigant, 1928 als größter Scheibengasbehälter Europas errichtet und 1994 zur Ausstellungshalle umgerüstet, führt diese „Nutzlosigkeit“ an seine Grenzen: eine Luftnummer, aber nur im Wortsinn. Als „Bad aus Luft“, als „riesige Kathedrale“ bezeichnet Christo, der hier 1999 mit Jeanne-Claude schon dreizehntausend bunte Ölfässer zu „The Wall“ aufgeschichtet hat, die Skulptur.

          Doch was macht sein neues Projekt, das erste ohne seine 2009 verstorbene Frau, mit dem Betrachter? Anders als die Verpackungsaktionen nimmt das „Big Air Package“ keine Interventionen vor, die vertraute Gebäude oder Landschaftsräume verfremden, sondern richtet sich auf die Hülle und auf die Wahrnehmung selbst: Es ist, als würde das Auge, indem es nur auf Weiß - und, wie es allmählich bemerkt, viele Farben Weiß - gesetzt wird, von alldem visuellen Müll befreit, mit dem Reklamebilderfluten, Verkehrsschilderwälder und Gewerbearchitekturwüsten es gerade auch in den Zwischenstadträumen des Ruhrgebiets peinigen. Eine Katharsis des Blicks, der danach wieder genauer (be)greifen kann.

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