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Mittelalter-Ausstellung : Wie setzte sich die Gotik durch?

Bischof mit Engel, Standbild an der Südfassade des Paderborner Doms Bild: epd

Wenn dieser Stil aus Frankreich kommt, warum sind die Deutschen dann so gut darin? Das Paderborner Dommuseum liefert in einer erhellenden Ausstellung eine Reihe von Antworten.

          Es ist die würdige Ausstellung zum Jahresende: Kein Stil ist derart eng mit Weihnachten verknüpft wie die Gotik. Die Schau im Paderborner Dommuseum beschert das nötige Flair – und stellt eine grundlegende Frage: Wenn in jeder deutschen Stadt mindestens eine gotische Kirche steht und dieser Stil angeblich aus Frankreich stammt, wie kommt es dann, dass diese Kirchen derart unterschiedlich aussehen, vor allem aber nicht französisch?

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Beispiel des Paderborner Doms und seiner für die Ausstellung rekonstruierten Chorschranke wird die überzeugende Antwort gegeben: weil es in Deutschland nahezu keinen gotischen Neubau von Grund auf gibt, sondern alle Kirchen Vorhandenes umbauen oder in den neuen Formen auch Altes weiterführen. Und weil zum anderen zwar in der Blütezeit der Gotik alle Baumeister nach Frankreich schielen, aber doch eben nur sehr partiell Französisches zitieren. Man kann es sich vorstellen wie die Mode im Deutschland der Fünfziger: Dior und Chanel sind das bewunderte Vorbild, dem man sich in Schnitt und Eleganz der Kleidung weitmöglichst annähern will; dennoch wird etwas erkennbar Eigenes, Deutsches daraus.

          Der 1215 begonnene heutige Paderborner Dom gilt zwar als gotischer Bau, bei genauerem Hinsehen finden sich jedoch viele antiquierte Formen und Anpassungen an das Vorhandene. Im in Marineblau getauchten ersten Saal, getreu Goethes Idee abgesunkenen Kulturguts, wird die These am mächtigen Bischof Imad aus dem elften Jahrhundert verdeutlicht: Links steht sein mächtiger Steinsarkophag, in dem er im Domchor ruhte und hinter dem sich später ein Adeliger in direkter Linie bestatten ließ, damit die Heiligkeit des verehrten Kirchenmannes noch im Tod auf ihn abstrahle. Den Fond des Saales bildet eine riesige auf Papier gedruckte Rekonstruktion des Imad-Doms von 1068, der in verschiedenster Form noch für den gotischen Neubau vorbildhaft war. Stets sollte bereits im baulichen Äußeren eine lückenlose Kontinuität angezeigt werden, um die Erinnerung an vorbildhafte Vorgänger aufrechtzuerhalten – Memoria und Tradition gingen vor Innovation.

          Ein schwereloser Körper

          Dennoch ist gotische Architektur etwas ganz Neues. Sie baut anstelle der Raumvolumina der Romanik offene und schwerelose Filigranität. Wie aber französische Formen überhaupt nach Deutschland fanden und hier adaptiert wurden, zeigt die Schau an Musterbüchern und Rissen auf Pergament. Die Baumeister mussten also keine Gedächtnismonster sein, vielmehr konnten sie die Vorbilder überallhin mitnehmen. Das berühmteste mittelalterliche Musterbuch etwa, dasjenige des Villard de Honnecourt, weist gleich mehrere Motive auf, die sich im Paderborner Dom und in mit diesem verwandten Kirchen auf Kapitellen in Form von Ringkämpfern, Drachen oder Szenen aus Äsops Fabelwelt wie dem Kranichkopf in einem Gefäß á la Michel aus Lönneberga erstaunlich ähnlich wiederfinden.

          Diese Fixierung ausgefeilt gotischer Architekturformen auf Pergament – wie sie die Ausstellung anhand des berühmten Reimser Palimpsestes sowie einer filigranen Zeichnung des Baumeisters der Schwerelosigkeit, Matthäus Ensinger, zeigt – ist auch der Grund, warum in rasender Geschwindigkeit alle Bereiche der künstlerischen Gestaltung wie Goldschmiedearbeiten und Dinge des alltäglichen Gebrauchs „gotisiert“ wurden. Die einmal auf der festen Basis von Zahlenverhältnissen konstruierten Formen waren dabei beliebig sowohl in den Millimeterbereich als auch den Hundertmeterraum eines Turms skalierbar: auf einem Glasfenster der Straßburger Dominikanerkirche ist vor prächtig rotglühendem Hintergrund eine feinziselierte gotische Fiale zu sehen – der laufende Meter des Fensters, der sich erhalten hat, stellt jedoch gerade ein Viertel der ursprünglichen Höhe dar, die gewiss von einer kleinformatigen Zeichnung auf dieses monumentale Format gebracht wurde. Ebenso finden sich auf den beiden Blickfängern der Ausstellung, den vergoldeten Reliquiaren von Pamplona und Aachen aus dem vierzehnten Jahrhundert, Details wie äußerst lebendig wirkende Drachen-Wasserspeier und Mikro-Maßwerke, die lediglich einige Millimeter messen. Die goldene Miniaturarchitektur des Pamplona-Reliquiars überfängt dabei die Szene der drei Frauen am Grab Christi, bei der auf dem ausgebreiteten und sich mehrfach überlappenden Tuch vor dem Sarkophag weder die nur einen Millimeter messenden Würfel und puppenstubenhaften Trinkgefäße der römischen Soldaten noch deren romanische Topfhelme oder die Ösen ihrer Rüstungen vergessen sind.

          Doch auch hier finden sich aufschlussreiche Mischformen. Bei der Fuststraßen-Madonna aus Mainz (um 1250) zeigt das Christuskind, das neugierig an der Brosche seiner Mutter nestelt, zwar erstmals ein fröhlich lächelndes Gesicht; Gewand, Ohren und buckellockiges Haar bleiben aber noch „romanisch“. Und schließlich sind auch die unbestrittenen Meisterwerke der Schau, Skulpturfragmente des Naumburger Meisters, Hybride aus Spätromanik und Frühgotik. Zerstört und erst 1914 wieder aufgefunden ist vor allem der „Kopf mit der Binde“ eines der markantesten Gesichter in Stein des gesamten Mittelalters.

          Ursprünglich spannte der spärlich bekleidete steinerne Mann seine Arme und Beine auf den vier Kreuzrippen der Chorschranke im Mainzer Dom aus, dabei auf einem Drachen und Löwen stehend. Trat man in deren erstes Joch, hing die lebensgroße und bemalte Figur wie eine Spinne über dem Eintretenden und blickte ihn direkt mit ihren zusammengekniffenen Augenbrauen an. Kaum ein sprechenderes Beispiel lässt sich für die in Paderborn gezeigte gotische Entmaterialisierung finden als ein feingliedrig durchmodellierter steinerner Körper, der scheinbar schwerelos an der Decke schwebt.

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