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Kunst der Maya : Heil dir, Hüter des Honigs!

Die Experten streiten sich darüber, woran die Kultur der Maya zugrunde ging. Was bleibt, ist ihre unverkennbare Bildsprache. Zu sehen sind einige der schönsten Objekte nun in Berlin.

          Hochkulturen blühen nicht, wie Spengler meinte, nach Art der Lilien auf dem Felde, aber sie haben, wenn man näher hinschaut, ihre unvermeidlichen Zyklen von Wachstum und Niedergang – am deutlichsten gerade jene, die sich für unsterblich hielten wie die alten Ägypter, deren Ewigkeitsprunk heute die schärfste Droge des Kulturtourismus ist.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Auch die Maya hatten eine Hochkultur aus Städten und Kleinstaaten, deren Kalender bis in die fernste Zukunft reichte und zurück an den Ursprung der Welt, und auch sie mussten den Preis der Zeitlichkeit zahlen: Noch vor der Ankunft der Spanier war die Mehrzahl ihrer Metropolen verlassen, die Bevölkerung auf einen Bruchteil früherer Tage geschrumpft. Die Wissenschaftler, die den Aufstieg und Fall der Maya-Kultur mit akademischen Begriffen wie „Präklassik“ und „Postklassik“ beschreiben, streiten sich noch immer darüber, ob der Knick in der Kurve eher durch Umwelt- oder politische Faktoren ausgelöst wurde, durch Kriege oder Hungersnöte; vermutlich waren es beide. Viele Rätsel aber bleiben, denn die Quellen der ansonsten reichen Maya-Überlieferung fließen in der Spätzeit spärlich. Die Steine schweigen. Die Schrift verstummt.

          Ein Importgott aus dem Norden

          Um so erstaunlicher wirkt es, dass die innere Entwicklung des Maya-Imperiums in der Ausstellung „Die Maya – Sprache der Schönheit“, die zum Auftakt eines deutsch-mexikanischen „dualen Jahres“ im Berliner Gropiusbau eröffnet wurde, so gut wie keine Rolle spielt. Die Ausstellung, die in vier Sektionen – vom „Körper als Leinwand“ bis zum „Körper der Götter“ – gegliedert ist, zeigt eine reiche Auswahl der Schätze, welche die Archäologen aus dem Boden der Halbinsel Yucatán und der angrenzenden Provinzen Mexikos geborgen oder in den Urwaldruinen gefunden haben, aber sie tut dabei so, als sei dies alles nicht etwa irgendwann an ganz bestimmten Orten und unter bestimmten politischen und ökonomischen Bedingungen entstanden, sondern Ausfluss der einen und immergleichen Maya-Welt: ihrer Sitten, ihrer Ästhetik, ihres Sozialgefüges und ihrer Religion.

          Dabei muss man nur ein paar der Objekttexte lesen, um zu erfahren, dass etwa der gefiederte Schlangengott Quetzalcoatl, dem die Azteken ihre grausigen Opfer brachten, bei den Maya, die ihm den Namen Kukulcán gaben, erst in der Niedergangszeit heimisch wurde, als Import aus dem Norden. Selbst der Götterhimmel, das Allerewigste, war also nicht unwandelbar, und eine Ahnung solcher Wandlungsprozesse sollte eine kulturhistorische Ausstellung schon vermitteln.

          Nichts davon in Berlin. Hier regieren Pracht, Fülle und Vielfalt und der ordnende Blick der Ethnologen, der die Objekte nach ihrer Funktion in Kultus und Ritus und ihrer Aussagekraft über das Alltagsleben von Maya-Frauen und -Männern sortiert. Und es ist in der Tat faszinierend zu sehen, wie in diesem von magischen Kräften durchwirkten Universum das Dingliche und das Bildliche, der Gebrauch und der Zauber miteinander verschmolzen, bis hin zu jenem „Großen Hüter des Honigs“, der mit gebieterischer Geste den Honigtopf bewacht. Nur würden wir uns heute eben auch für eine Griechen-Ausstellung bedanken, die das Erbe von Athen, Sparta, Theben, Korinth und Mykene umstandslos in denselben Mischkrug wirft. Eine Schau über die Maya darf da keine Ausnahme sein.

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