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Hans Holbein des Älteren „Heilige Katharina“ aus dem Jahr 1509 Bild: Schloss Friedenstein

Größter Kunstraub der DDR : Fünf Meisterwerke wieder aufgetaucht

In der Nacht zum 14. Dezember 1979 sind fünf außergewöhnlich wertvolle Gemälde aus dem Barockschloss Friedenstein im thüringischen Gotha gestohlen worden. Jetzt sind sie in Sicherheit.

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          Hans Holbein des Älteren „Heilige Katharina“ aus dem Jahr 1509 gilt der Kunstgeschichte als traurigstes Bildnis der Renaissance. Der Baseler Maler verzichtet auf Blut, Schweiß und Tränen; es ist kein monströses Rad zu sehen, auf das sie gebunden wird, und auch nicht die darauf folgende Enthauptung mit dem Richtschwert. Holbein schafft es, allein die tränenverhangenen, geröteten Augen Katharinas und ihren vom erlittenen Martyrium noch schmerzhaft verzerrten Mund sprechen zu lassen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Preziose der Malerei aus der Dürerzeit war seit ihrem Raub 1979 verschollen. Der in die Annalen der Kriminalistik als „Kunstraub von Gotha“ eingegangene Fall war ein – bis heute – vierzig Jahre lang nicht aufgeklärter Einbruchdiebstahl, bei dem in der Nacht zum 14. Dezember 1979 fünf außergewöhnlich wertvolle Gemälde aus dem Barockschloss Friedenstein im thüringischen Gotha gestohlen wurden: Neben dem Holbein noch das „Brustbild eines jungen Mannes“ von Frans Hals, ein „Selbstbildnis mit Sonnenblume“ von Anthonis van Dyck, auf dem er sich als Hofmaler des englischen Königs wie der Heliotrop nach der Sonne ausrichtet und dessen Pedant sich in England befindet, sowie die „Landstraße mit Bauernwagen und Kühen“ von Jan Brueghel dem Älteren und das Gemälde „Alter Mann“ von Jan Lievens.

          Von den fünf Bildern, die in verschiedenen Räumen des Museums im Schloss Friedenstein ausgestellt waren und mit den zugehörigen Bilderrahmen gestohlen wurden, waren seitdem lediglich Schwarzweißfotos vorhanden. Heute so gut wie vergessen, galt der damalige Kunstdiebstahl als einer der spektakulärsten der deutschen Nachkriegsgeschichte. In jedem Fall war es der schwerwiegendste in der Geschichte der DDR, wenn die Beutezüge der Russen in der unmittelbaren Nachkriegszeit ausgeklammert werden.

          Vor vierzig Jahren Tatort des Kunstraubs: Schloss Friedenstein in Gotha

          Die Täter stiegen um zwei Uhr morgens ein

          Anders als nun im Dresdner Fall des Grünen Gewölbes drangen die Täter vor vierzig Jahren nicht über das Parterre in Schloss Friedenstein ein, sondern mittels Steigeisen über die dritte Etage auf der Westseite des Schlossgebäudes. Zwar existierte damals, ungewöhnlich für Schlossmuseen in der DDR, bereits eine Alarmanlage, sie war aber noch nicht in Betrieb. Auch machten sich die Täter damals wie beim Dresdner Diamantenraub jetzt offenbar gezielt die frühen unbelebten Morgenstunden zunutze, da der Zeitpunkt des Einbruchs durch die Daten eines Hygrometers, der durch das eingeschlagene Fenster mit der eindringenden Dezemberkälte einen Temperaturabfall registrierte, etwa zwei Uhr morgens als Zeitpunkt des Diebstahls ergab.

          Der Wert der gestohlenen Gemälde wurde schon 1979 auf sagenhafte rund fünf Millionen Mark der DDR geschätzt, hält man sich vor Augen, dass allein die – wenngleich großformatigere – „Darmstädter Madonna“ Holbeins des Jüngeren vor Jahren für mehr als vierzig Millionen Euro versteigert wurde, lässt sich leicht ermessen, dass heute ein vielfaches der Summe für die fünf Meisterwerke aufzubringen wäre.

          Wie kamen die Anbieter an die Gemälde?

          Doch wie kamen die Bilder nach vierzig Jahren zurück? Am Donnerstag fanden bundesweite Hausdurchsuchungen statt, die im Zusammenhang mit dem Kunstraub von 1979 stehen. Diese leitete das LKA Berlin in Kooperation mit den kriminalpolizeilichen Ermittlungsstellen der betroffenen Bundesländer.

          Die Vorgeschichte klingt abenteuerlich: Im Juli 2018 traten über einen Anwalt anonyme Personen an die Stiftung Schloss Friedenstein heran, die behaupteten, die Besitzer dieser Gemälde zu sein, und eine weder belegbare noch plausible Erwerbsgeschichte lieferten. Der damalige Stiftungsratsvorsitzende der Stiftung Schloss Friedenstein und Oberbürgermeister Gothas, Knut Kreuch, nahm mit Unterstützung der Münchner Ernst von Siemens Kunststiftung, die bereits mehrfach in derartigen Fällen vermittelt hat, Verhandlungen auf. Am 30. September 2019 kam es in Berlin zur Übergabe der Gemälde an die Stiftung Schloss Friedenstein zum Zweck der Begutachtung. Ziel war, die Authentizität der Gemälde zu prüfen und deren Rückkehr nach Gotha zu ermöglichen. Diese auf drei Monate angesetzten Prüfungen, in die Kunstgutachter und für die maltechnologischen Untersuchungen das Berliner Rathgen-Forschungslabor eingebunden waren, laufen noch. Die Gemälde befinden sich seitdem in sicherer Verwahrung.

          Seit dem Raub lediglich in einer Schwarzweißreplik im Schloss zu sehen: „Selbstbildnis mit Sonnenblume“ von Anthonis van Dyck

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