https://www.faz.net/-gqz-9k7zu

Größte Rembrandt-Ausstellung : Der Helldunkelseher des Lebens

So viel Rembrandt war noch nie: Blick in die Ausstellung Bild: EPA

Zum 350. Todestag Rembrandts zeigt das Rijksmuseum nicht nur die bislang größte Ausstellung seines Werkes – viele Zeichnungen sind zum ersten Mal überhaupt zu sehen. Die Besucher erwartet eine riesige Sammlung.

          5 Min.

          Ausnahmsweise sei hier eine Ausstellung ans Herz gelegt, die außer dem Vorzeigen des Großteils eines Künstlerwerkes kein Thema hat: „Alle Rembrandts“ in Amsterdam. Dieses Protzen mit der Habenseite des eigenen Bestands erscheint im Fall des Rijksmuseums legitim: zweiundzwanzig Gemälde, sechzig Zeichnungen, über dreihundert Druckgraphiken – das Amsterdamer Haus nennt die größte Rembrandt-Sammlung weltweit sein Eigen. Und so ist das „Alle“ des Ausstellungstitels in Bezug auf die Graphik des Meisters einmal kein Etikettenschwindel, zeigt das Rijksmuseum doch tatsächlich den gesamten bekannten Bestand in den konservatorisch notwendig abgedunkelten Sälen gemeinsam mit den Gemälden, was deren Aura, auf dunkelblaue Wände gehängt, während die Graphik auf Lichtgrau gesetzt ist, zusätzlich erhöht.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Genau genommen fehlt der Schau gar kein Thema: Mit der „Nachtwache“, den „Stallmeesters“ oder der „Judenbraut“ besitzt das Museum fraglos Schlüsselwerke aus Rembrandts Schaffen, mit denen er sich an bestimmten Punkten seines bewegten Lebens – vom gefeierten Jungstar zum am Ende wieder mittellosen Pleitier – ungeschönt Rechenschaft über sein künstlerisches Fortkommen ablegt. Besonders in den etwa vierzig gestochenen, radierten und gemalten Selbstporträts des Rijksmuseums (von insgesamt achtzig derzeit gesicherten) zeigt sich deutlich, dass Rembrandt sich in prekären Situationen wie eigener Krankheit oder dem frühen Tod seiner zwei Frauen und der drei ersten Kinder mitleidlos befragt – oft sind es Selbstbildnisse in Verkleidung, etwa als Apostel Paulus mit Turban, mehrfach verbirgt er seine stets mit Hilfe eines Spiegels gemalten Selbstbilder auch in großen Historienbildern, aufwendigen Selfies in Öl also, aber mit ebendem Zweck der Arbeit gegen den Tod und das Verschwinden.

          Ungewöhnliche Aktion: Zur Eröffnung versammelten sich 175 Jungen und Männer namens Rembrandt vor der „Nachtwache“.

          Während die Prägung der modernen Selfiekultur durch Rembrandts schnappschüssige Selbstporträts Interpretationssache bleibt, ist die Revolutionierung der Kunst durch ihn unzweifelhaft. Er hat die Malerei und Graphik für immer verändert, und zwar derart nachhaltig, dass große Teile des neunzehnten Jahrhunderts oder auch die Friedrich-Bilder Menzels ohne ihn nicht denkbar wären. Vor allem auf drei Gebieten war Rembrandt grundstürzend: Sein dramatisches Hell-Dunkel-Arbeiten im selben Bild und oft im selben Gesicht geht durch die filmscheinwerferartige Ausleuchtung noch weiter als Caravaggio. Sein Kompendium von Emotionen in allen Lebenssituationen scheint unerschöpflich. Dieses Einfangen und Frischhalten von Leben wirkt vor allem deshalb glaubwürdig, weil er dabei stets der „Rebell“ bleibt, als den ihn der Katalog zur Schau bezeichnet. Denn um ein dauerhaft verständliches Bild zu finden, passt er die Technik je neu an die Erfordernisse an, experimentiert ohne Rücksicht auf Konventionen und scheitert oft gnadenlos. Oder findet ebenden bis in unsere Tage gültigen Ausdruck, der die Gefühlslage handfest und mitreißend übermittelt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Lungenkrankheit : Erster Coronavirus-Fall in Deutschland bestätigt

          Der Patient aus Bayern wird isoliert behandelt – das Risiko für die Bevölkerung, sich mit dem neuartigen Erreger zu infizieren, „wird derzeit als gering erachtet“, heißt es aus dem zuständigen Ministerium. Unterdessen stieg die Zahl der Todesopfer in China auf mehr als hundert.
          Die Moderatorin Susan Link vertritt den erkrankten Moderator Frank Plasberg in der WDR-Talkshow „Hart aber fair“. Hinter ihr die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, der CSU-Generalsekretär Markus Blume und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl (von links)

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Aktien als Allheilmittel

          Die Deutschen sind ein Volk der Sparer. Doch in Zeiten von Negativzinsen muss man umdenken. Bei „Hart aber fair“ raten alle Gäste zu einer Lösung – bis auf Sahra Wagenknecht: Sie setzt auf ein Konzept, das viele als überholt ansehen.
          Viel zu erzählen: Bolton, Pompeo und Trump im Oval Office im Februar 2019

          Ukraine-Affäre und Impeachment : Das fehlende Bindeglied

          Trumps Verteidiger fordern im Impeachment-Prozess Beweise. Da gelangen Teile von Boltons Buchmanuskript an die Öffentlichkeit und bringen Trump in Bedrängnis. Das Weiße Haus reagiert umgehend.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.