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Grazer Kunsthaus : Die Rückkehr der Rüsseltiere

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Aufgetaute Tiefkühlkost für Aliens: Peter Cooks neues Grazer Kunsthaus an den Ufern der Mur blubbert, schwillt und dräut. Ein happiger Kontrast zur Altstadt, die zum Weltkulturerbe gehört.

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          "Die abgepackte Tiefkühlkost ist wichtiger als Palladio", schrieb Peter Cook 1967. Er hat leider recht bekommen. In der europäischen Kulturhauptstadt 2003 hat der Mitbegründer von Archigram mit Colin Fournier sein Fast-Food-Credo gar als unterhaltsamen Leckerbissen gebaut. Eine dunkelgrünblauglänzende Blase - das Kunsthaus - liegt nun mitten in der ziegelroten Dachlandschaft von Graz, ein happiger Kontrast zur Altstadt, die mit Renaissance, Barock und Klassizismus zum Weltkulturerbe gehört.

          "Friendly Alien" nennen die beiden Londoner Architekten denn auch in vorauseilender Rhetorik ihr biomorphes Gebilde, das sich brav zwischen denkmalgeschützte Häuser schmiegt. Auch dessen kokett gen Himmel gerichtete Lichtrüsselchen entsprechen durchaus den Proportionen der Grazer Erker und Gauben. Daß sich der massive, aber sanft gerundete Fremdkörper je nach Standort auch als ein Wal, ein Seehund, eine vollbusige Seegurke und überhaupt als eine Art Lebewesen betrachten läßt, ist seiner Popularität nur förderlich im sinnenfrohen, tierfreundlichen und hundertwasserverliebten Land, wo jede zweite Autobahnraststätte mit goldenen Zwiebeltürmchen und bunten Fenstermalereien lockt. Auch die Illusion eines aus anderen Sphären stammenden Gebäudes, ganz anders als die vertrauten Giebelbauten, kommt in der sich stets am Rand der großen Welt wähnenden Stadt blendend an.

          Köderarchitektur

          Mit der "Kunsthaus-Bubble" legt Graz nach der muschelförmigen Murinsel von Vito Acconci eine weitere Köderarchitektur aus, die der Welt unübersehbar bedeuten soll, daß man am Puls der Zeit lebt, und nicht nur in einer mit Zeughaus, Mausoleum und Palaisbauten verstellten Vergangenheit. Der possierliche Uhrturm oben auf dem grünen Schloßberg zeigt das "Pensionopolis"-Image an; aber erst seit ein kühn in den Schloßbergfelsen gehauener Glaslift zu ihm hinaufführt, ist er auch für die jungen Leute erwacht. Aber das neue Wahrzeichen der Stadt soll nun der fotogene Alien sein. Er vertritt das wirtschaftlich dynamische und innovative Graz, die Studentenstadt, das "Swinging Graz" des eventreichen Kulturhauptstadtjahrs mit einem Programm, das drei Jahre gereicht hätte.

          Mit dem Dreigestirn Kunst-Entertainment-Medien bastelte sich der technikfaszinierte Peter Cook schon im "Swinging London" der poppigen sechziger Jahre in Theorien und Instant-City-Collagen die urbanistische Zukunft. Daß die Grazer Blase zu diesem futuristisch-historistischen Erbe gehört, ist unübersehbar. Aber nun, auf der Höhe der bio- und gentechnischen Fortschrittswoge, paßt das organische Wabern und Bauen perfekt in das aktuelle Globalweltgebäude. Seriös betrachtet, die Hypeund Image-Sucht einmal ignorierend, brauchte das urbane Graz mit seinem wunderbar durchmischten, auch nach Geschäftsschluß ungemein belebten Altstadtkern die Köderarchitektur der "Leisure Time"-Theoretiker gar nicht. Andererseits hatte die frühere Residenzstadt Innerösterreichs schon immer einen gelegentlichen Hang zu sehr eigenen, auch skurrilen Bauwerken: Die gotische Doppelwendeltreppe in der Burg, der bizarre Schloßbergsteig, auch einige Bauten der Grazer Schule, die Mensa der Eggenberger Schulschwestern von Domenig-Huth oder das Biochemie-Institut von Szyszkowitz-Kowalski zeugen von expressivem Bauen. Und jetzt das barocke Lustprinzip Wölbung für Graz 2003.

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