https://www.faz.net/-gqz-99wen

Grant Wood im Whitney Museum : Die Mistgabelung der Kunstgeschichte

Grant Woods, der Maler von „American Gothic“, wurde lange als Retter der amerikanischen Malerei aus der Knechtschaft der Moderne vermarktet. Jetzt zeigt das New Yorker Whitney Museum, was ihn noch ausmachte.

          Die amerikanische Mona Lisa. „American Gothic“ von Grant Wood ist das berühmteste Bild eines amerikanischen Malers. Wood, der in Iowa aufgewachsen war und arbeitete, reichte das 78 mal 65 Zentimeter große Gemälde 1930 bei der Jahresausstellung des Art Institute of Chicago ein, wo es Sensation machte. Es wurde sogleich im ganzen Land reproduziert und vom Museum angekauft. Das ältliche Paar mit der Mistgabel vor dem weißen Holzhaus mit dem Spitzbogenfenster ist so oft kopiert, karikiert und parodiert worden, dass man die Duldermienen auf dieses Rezeptionsschicksal beziehen kann. Wo aber die bekritzelte und abfotografierte Mona Lisa zuerst und zuletzt nur für das Kunstwerk als Kunstwerk steht, das im Weltmuseum seinen Platz hat, da verweist Grants Doppelbildnis namenloser Modelle auf eine bestimmte, nämlich lokalisierte äußere Wirklichkeit.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Titel, den der Maler selbst seinem Werk gegeben hat, war ein genialer Einfall und beschreibt die Stimmung der gestellten Szene scheinbar ebenso genau wie die hingebungsvolle Feinmalerei die Texturen der zerknitterten Landarbeitskleidung. In dieser aufdringlichen Gegenständlichkeit ist das Bild eine Ikone des Provinzialismus. Für ein an der Abfolge internationaler Stile orientiertes Geschmacksurteil ist es der Inbegriff eines berühmten Kunstwerks, das nicht ganz Kunst ist. Der geographische Realitätseffekt ist dabei unabhängig davon, ob einem das Gemälde gefällt oder nicht. Niemand scheint zu bestreiten, dass „American Gothic“ wirklich etwas Uramerikanisches zeigt – und sei es, dass die Treue zur Scholle das Kleben am Ding demonstriert, ein Phantasiedefizit der amerikanischen malerischen Tradition, die sich vom Handwerk des Illustrators nicht losreißen will.

          Unfruchtbares, abweisendes Terrain

          Das Whitney Museum of American Art in New York hat sich seit seinem Umzug von der Upper East Side in den Südwesten von Manhattan 2015 in einer Serie von Ausstellungen mit der Frage beschäftigt, was das Amerikanische an der Kunst sein soll, die sein Sammelgebiet ist, und widmet Grant Wood nun nach 1983 zum zweiten Mal eine Retrospektive. New York war für Wood, um die Sprache seiner Bilder zu verwenden, unfruchtbares, abweisendes Terrain. Eine Galerieausstellung mit 67 Bildern zog hier 1935 brutale Verrisse von Großkritikern wie Lewis Mumford und Lincoln Kirstein auf sich, die zur Abschreckung von Nachahmern gedacht waren.

          Denn Wood wurde als Retter der amerikanischen Malerei vermarktet, der sie aus der modernistischen Knechtschaft hinausführen sollte, ins gelobte Land der Naturtreue: aufs Land. Wood starb 1941, wurde nur fünfzig Jahre alt. Die Rezensenten der Gedenkausstellung im Art Institute of Chicago hielten sich nicht an den Grundsatz, von Verstorbenen nur gut zu sprechen. Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg ließ sich Woods sogenannter Regionalismus ein für alle Mal als Bildpropaganda des Isolationismus abtun.

          Im Whitney bekommt man nun zu sehen, was Wood außer „American Gothic“ gemalt und gemacht hat – und man tritt ein in den Privatvergnügungspark eines amerikanischen Rokoko. Nicht Bauernregeln aus der Mängelwirtschaft enthält Woods Buch der Natur, sondern Bastelanleitungen für Grillenkrämerseelen. Topfpflanzen aus Eisenwarenresten, Kronleuchter in Maiskolbendesign: Als Kunstschmied und Innenarchitekt hatte der Sohn eines Farmers ein Händchen fürs Verdrehte. Auch die Wende im Malstil, die Abkehr vom bemühten Ungefähr eines kleinformatigen Impressionismus, vollzog Wood vor dem Erfahrungshintergrund der Maßarbeit im Kunsthandwerk. 1927 erhielt er einen großen öffentlichen Auftrag: Er sollte ein Glasfenster zum Gedenken an die Gefallenen aller Kriege seit der Gründung der Vereinigten Staaten entwerfen. Die Ausführung übertrug er einer Firma in St. Louis mit Werkstatt in München. Drei Monate lang hielt er sich 1928 in München auf, um die Herstellung der Glasplatten zu beaufsichtigen.

          Das harte Naturgesetz der realistischen Malerei

          Später erzählte er, die Begegnung mit den frühen Niederländern in der Alten Pinakothek habe ihm das harte Naturgesetz der realistischen Malerei offenbart, die Einsicht, dass Naturnähe erarbeitet werden muss, durch perspektivische Bautätigkeit, Herausmeißeln der Konturen und Polieren der Oberfläche. Im Kulturkrieg um den Regionalismus engagierte sich auch ein aus Deutschland emigrierter Kunsthistoriker, Horst W. Janson, ein Schüler von Erwin Panofsky, der Wood an der State University of Iowa kennengelernt hatte, wo dieser Malerei unterrichtete. In einer Serie von Aufsätzen zerlegte Janson die Bekehrungsgeschichte, die Wood über seinen Wechsel der Manier erzählt hatte, in Topoi aus der Tradition der Künstlerlegende. So äußerte Janson Zweifel daran, dass Wood in München der Schock des Alten getroffen habe. Den flämischen Protofotorealismus habe er doch aus dem Art Institute of Chicago kennen müssen, an dessen Kunstschule er studiert hatte.

          Ob es nun den namenlosen Kollegen gegeben hat oder nicht, dem Wood beim Abmalen in der Alten Pinakothek zugesehen haben will, um ihn dann selbst nachzuahmen – in der Whitney-Ausstellung ist es offensichtlich, dass die Halbfigurenporträts vor kargem Landschaftshintergrund, die 1929 mit einem Porträt von Woods Mutter einsetzen, einen Bruch in seinem Schaffen markieren. Er öffnet das Fenster zum Illusionismus. Aber es bleibt das Faszinosum an „American Gothic“, dass er den Ausblick ins Offene sogleich wieder zustellt. Drangvoll, zusammengepresst, vernagelt wirkt der Bildraum.

          Die von der Perspektive verheißene Tiefe wird mit Gewalt dementiert. Es sind diese Stimmungswerte des Klaustrophobischen, die den Reiz von Woods überzüchtetem Naturalismus ausmachen: Indizien emblematischer Konservierung von Unsagbarem. Bei Grant Wood wirkt auch die schnurgerade Linie verdreht. An Vorschlägen familiengeschichtlicher oder sexualpsychologischer Dechiffrierung fehlt es in der biographischen Literatur nicht. Lester Longman, der Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte an der University of Iowa, versuchte Wood zu verdrängen und denunzierte ihn als Homosexuellen.

          Am Anfang stand immer eine Abstraktion

          Für eine akademische Kunstkritik im Dienst der klassischen Moderne, deren Linie von Longman bis zu Hilton Kramer führt, dem Gründer der Zeitschrift „The New Criterion“, entlarvte die Extravaganz von Woods offenkundigen autobiographischen Fiktionen ihn als Scharlatan. So behauptete er, alle seine Bildideen seien ihm beim Melken gekommen – obwohl er im Alter von zehn Jahren die väterliche Farm verlassen hatte, nach dem plötzlichen Tod des Vaters. Im Eigenbrötler steckte ein Marktschreier: Wood entsprach einem Typus des Originals aus dem Mittleren Westen, wie sie die sozialkritischen Romane des von ihm illustrierten Sinclair Lewis bevölkern. Vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwartskunst wird man geneigt sein, auch Woods Marketing in eigener Sache als Teil seines künstlerischen Handelns zu verstehen.

          Als Wood die Schönheit der Ornamentik von Schürzen und Gardinen pries, verriet er, das nützlichste Musterbuch, und ein authentisches, sei für ihn der Katalog von Sears Roebuck und Co., dem großen Versandhaus mit Sitz in Chicago. Nach diesem Bekenntnis erübrigte sich eigentlich der gelehrte Aufwand, mit dem Janson nach Woods Tod plausibel machte, dass dieser einen federlosen Hahn nicht nach dem Leben, sondern nach einer Vorlage aus der Druckgraphik der Renaissance gezeichnet hatte. Woods Armenbibel kopierte den amerikanischen Neckermann-Katalog, sein Naturschönes war das Massenprodukt: Mit dieser patriotischen Geste nahm er Jeff Koons vorweg.

          Im Zuge der Künstlerbeschäftigungsprogramme des New Deal erhielt er Aufträge für Wandgemälde. Die Studenten, die er als Assistenten beschäftigte, beschwerten sich darüber, dass sie seine Entwürfe sklavisch umzusetzen hatten. Auf seine Lektionen aus der Glasbilderproduktion verweist Woods Gewohnheit, jedes seiner Bilder mit einem Raster aus neun Kästchen anzulegen. Der Anti-Modernist gab zu, dass am Anfang bei ihm immer eine Abstraktion stand. Den Werkstattbetrieb und den planenden Zugriff findet man ebenfalls bei Koons wieder, an den man auch erinnert wird, wenn Geoffrey O’Brien in seiner Rezension der Whitney-Retrospektive in der „New York Review of Books“ an den späten Landschaften hervorhebt, dass hier jede Spur des Malerischen verborgen wird: „Die Elemente der natürlichen Welt nehmen den Glanz von soeben fabriziertem Spielzeug an.“ Grant Wood war ein echter amerikanischer Pionier.

          Grant Wood: American Gothic and Other Fables. Whitney Museum of American Art, New York, bis 10. Juni. Der Katalog kostet 65 Dollar.

          Weitere Themen

          Hoffnung im Angesicht der Apokalypse Video-Seite öffnen

          Filmkritik „Endzeit“ : Hoffnung im Angesicht der Apokalypse

          Blutverschmierte Münder, abgehackte Gliedmaßen und Non-Stop-Action – so kennt man als geneigter Zuschauer das Zombiefilm-Genre. Wie sich der deutsche Film „Endzeit“ dagegen abhebt und warum man gerade als Nicht-Zombie-Fan den Gang ins Kino wagen sollte, erklärt F.A.Z.-Redakteur Andreas Platthaus.

          Topmeldungen

          Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Willkommen in Nordirland“ steht am Straßenrand an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland.

          Brexit-Streit : Auf gar keinen Fall Kontrollen

          Boris Johnson und die EU sind sich zumindest in einem Punkt einig: Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland dürfen nicht sein. Doch wie soll das ohne Backstop-Klausel gehen?
          Frankfurts David Abraham (l.) und Goncalo Paciencia (r.) können Lebo Mothiba von Racing Straßburg nicht stoppen.

          Frankfurt patzt in Straßburg : Alle Hoffnung auf Teil zwei

          Eintracht Frankfurt muss um den Einzug in die Gruppenphase der Europa League bangen. Im Play-off-Hinspiel bei Racing Straßburg konnte der Bundesligist vor allem in der ersten Hälfte nicht überzeugen und verlor mit 0:1.

          F.A.Z.-Umfrage zur Lage in Hongkong : Deutsche Unternehmen meiden klare Worte

          Joe Kaeser mahnt gewaltfreien Dialog und Einhaltung des geltenden Rechts in Hongkong an. Viele deutsche Konzerne sind besorgt, drucksen aber herum – sie haben Milliarden in China investiert.
          Der gemeinnützige Verein Deutsches Tagebucharchiv e. V hat seinen Sitz in Emmendingen, einer Stadt im Südwesten Baden-Württembergs.

          Erinnerungen : Einblicke in die deutsche Seele

          Das Deutsche Tagebucharchiv sammelt Lebenserinnerungen und Briefe jeglicher Art – von ganz gewöhnlichen Menschen. Es sind faszinierende Dokumente,die die Vergangenheit spürbar machen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.