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Grant Wood im Whitney Museum : Die Mistgabelung der Kunstgeschichte

Grant Woods, der Maler von „American Gothic“, wurde lange als Retter der amerikanischen Malerei aus der Knechtschaft der Moderne vermarktet. Jetzt zeigt das New Yorker Whitney Museum, was ihn noch ausmachte.

          Die amerikanische Mona Lisa. „American Gothic“ von Grant Wood ist das berühmteste Bild eines amerikanischen Malers. Wood, der in Iowa aufgewachsen war und arbeitete, reichte das 78 mal 65 Zentimeter große Gemälde 1930 bei der Jahresausstellung des Art Institute of Chicago ein, wo es Sensation machte. Es wurde sogleich im ganzen Land reproduziert und vom Museum angekauft. Das ältliche Paar mit der Mistgabel vor dem weißen Holzhaus mit dem Spitzbogenfenster ist so oft kopiert, karikiert und parodiert worden, dass man die Duldermienen auf dieses Rezeptionsschicksal beziehen kann. Wo aber die bekritzelte und abfotografierte Mona Lisa zuerst und zuletzt nur für das Kunstwerk als Kunstwerk steht, das im Weltmuseum seinen Platz hat, da verweist Grants Doppelbildnis namenloser Modelle auf eine bestimmte, nämlich lokalisierte äußere Wirklichkeit.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Titel, den der Maler selbst seinem Werk gegeben hat, war ein genialer Einfall und beschreibt die Stimmung der gestellten Szene scheinbar ebenso genau wie die hingebungsvolle Feinmalerei die Texturen der zerknitterten Landarbeitskleidung. In dieser aufdringlichen Gegenständlichkeit ist das Bild eine Ikone des Provinzialismus. Für ein an der Abfolge internationaler Stile orientiertes Geschmacksurteil ist es der Inbegriff eines berühmten Kunstwerks, das nicht ganz Kunst ist. Der geographische Realitätseffekt ist dabei unabhängig davon, ob einem das Gemälde gefällt oder nicht. Niemand scheint zu bestreiten, dass „American Gothic“ wirklich etwas Uramerikanisches zeigt – und sei es, dass die Treue zur Scholle das Kleben am Ding demonstriert, ein Phantasiedefizit der amerikanischen malerischen Tradition, die sich vom Handwerk des Illustrators nicht losreißen will.

          Unfruchtbares, abweisendes Terrain

          Das Whitney Museum of American Art in New York hat sich seit seinem Umzug von der Upper East Side in den Südwesten von Manhattan 2015 in einer Serie von Ausstellungen mit der Frage beschäftigt, was das Amerikanische an der Kunst sein soll, die sein Sammelgebiet ist, und widmet Grant Wood nun nach 1983 zum zweiten Mal eine Retrospektive. New York war für Wood, um die Sprache seiner Bilder zu verwenden, unfruchtbares, abweisendes Terrain. Eine Galerieausstellung mit 67 Bildern zog hier 1935 brutale Verrisse von Großkritikern wie Lewis Mumford und Lincoln Kirstein auf sich, die zur Abschreckung von Nachahmern gedacht waren.

          Denn Wood wurde als Retter der amerikanischen Malerei vermarktet, der sie aus der modernistischen Knechtschaft hinausführen sollte, ins gelobte Land der Naturtreue: aufs Land. Wood starb 1941, wurde nur fünfzig Jahre alt. Die Rezensenten der Gedenkausstellung im Art Institute of Chicago hielten sich nicht an den Grundsatz, von Verstorbenen nur gut zu sprechen. Nach dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg ließ sich Woods sogenannter Regionalismus ein für alle Mal als Bildpropaganda des Isolationismus abtun.

          Im Whitney bekommt man nun zu sehen, was Wood außer „American Gothic“ gemalt und gemacht hat – und man tritt ein in den Privatvergnügungspark eines amerikanischen Rokoko. Nicht Bauernregeln aus der Mängelwirtschaft enthält Woods Buch der Natur, sondern Bastelanleitungen für Grillenkrämerseelen. Topfpflanzen aus Eisenwarenresten, Kronleuchter in Maiskolbendesign: Als Kunstschmied und Innenarchitekt hatte der Sohn eines Farmers ein Händchen fürs Verdrehte. Auch die Wende im Malstil, die Abkehr vom bemühten Ungefähr eines kleinformatigen Impressionismus, vollzog Wood vor dem Erfahrungshintergrund der Maßarbeit im Kunsthandwerk. 1927 erhielt er einen großen öffentlichen Auftrag: Er sollte ein Glasfenster zum Gedenken an die Gefallenen aller Kriege seit der Gründung der Vereinigten Staaten entwerfen. Die Ausführung übertrug er einer Firma in St. Louis mit Werkstatt in München. Drei Monate lang hielt er sich 1928 in München auf, um die Herstellung der Glasplatten zu beaufsichtigen.

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