https://www.faz.net/-gqz-99wen

Grant Wood im Whitney Museum : Die Mistgabelung der Kunstgeschichte

Das harte Naturgesetz der realistischen Malerei

Später erzählte er, die Begegnung mit den frühen Niederländern in der Alten Pinakothek habe ihm das harte Naturgesetz der realistischen Malerei offenbart, die Einsicht, dass Naturnähe erarbeitet werden muss, durch perspektivische Bautätigkeit, Herausmeißeln der Konturen und Polieren der Oberfläche. Im Kulturkrieg um den Regionalismus engagierte sich auch ein aus Deutschland emigrierter Kunsthistoriker, Horst W. Janson, ein Schüler von Erwin Panofsky, der Wood an der State University of Iowa kennengelernt hatte, wo dieser Malerei unterrichtete. In einer Serie von Aufsätzen zerlegte Janson die Bekehrungsgeschichte, die Wood über seinen Wechsel der Manier erzählt hatte, in Topoi aus der Tradition der Künstlerlegende. So äußerte Janson Zweifel daran, dass Wood in München der Schock des Alten getroffen habe. Den flämischen Protofotorealismus habe er doch aus dem Art Institute of Chicago kennen müssen, an dessen Kunstschule er studiert hatte.

Ob es nun den namenlosen Kollegen gegeben hat oder nicht, dem Wood beim Abmalen in der Alten Pinakothek zugesehen haben will, um ihn dann selbst nachzuahmen – in der Whitney-Ausstellung ist es offensichtlich, dass die Halbfigurenporträts vor kargem Landschaftshintergrund, die 1929 mit einem Porträt von Woods Mutter einsetzen, einen Bruch in seinem Schaffen markieren. Er öffnet das Fenster zum Illusionismus. Aber es bleibt das Faszinosum an „American Gothic“, dass er den Ausblick ins Offene sogleich wieder zustellt. Drangvoll, zusammengepresst, vernagelt wirkt der Bildraum.

Die von der Perspektive verheißene Tiefe wird mit Gewalt dementiert. Es sind diese Stimmungswerte des Klaustrophobischen, die den Reiz von Woods überzüchtetem Naturalismus ausmachen: Indizien emblematischer Konservierung von Unsagbarem. Bei Grant Wood wirkt auch die schnurgerade Linie verdreht. An Vorschlägen familiengeschichtlicher oder sexualpsychologischer Dechiffrierung fehlt es in der biographischen Literatur nicht. Lester Longman, der Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte an der University of Iowa, versuchte Wood zu verdrängen und denunzierte ihn als Homosexuellen.

Am Anfang stand immer eine Abstraktion

Für eine akademische Kunstkritik im Dienst der klassischen Moderne, deren Linie von Longman bis zu Hilton Kramer führt, dem Gründer der Zeitschrift „The New Criterion“, entlarvte die Extravaganz von Woods offenkundigen autobiographischen Fiktionen ihn als Scharlatan. So behauptete er, alle seine Bildideen seien ihm beim Melken gekommen – obwohl er im Alter von zehn Jahren die väterliche Farm verlassen hatte, nach dem plötzlichen Tod des Vaters. Im Eigenbrötler steckte ein Marktschreier: Wood entsprach einem Typus des Originals aus dem Mittleren Westen, wie sie die sozialkritischen Romane des von ihm illustrierten Sinclair Lewis bevölkern. Vor dem Hintergrund der heutigen Gegenwartskunst wird man geneigt sein, auch Woods Marketing in eigener Sache als Teil seines künstlerischen Handelns zu verstehen.

Als Wood die Schönheit der Ornamentik von Schürzen und Gardinen pries, verriet er, das nützlichste Musterbuch, und ein authentisches, sei für ihn der Katalog von Sears Roebuck und Co., dem großen Versandhaus mit Sitz in Chicago. Nach diesem Bekenntnis erübrigte sich eigentlich der gelehrte Aufwand, mit dem Janson nach Woods Tod plausibel machte, dass dieser einen federlosen Hahn nicht nach dem Leben, sondern nach einer Vorlage aus der Druckgraphik der Renaissance gezeichnet hatte. Woods Armenbibel kopierte den amerikanischen Neckermann-Katalog, sein Naturschönes war das Massenprodukt: Mit dieser patriotischen Geste nahm er Jeff Koons vorweg.

Im Zuge der Künstlerbeschäftigungsprogramme des New Deal erhielt er Aufträge für Wandgemälde. Die Studenten, die er als Assistenten beschäftigte, beschwerten sich darüber, dass sie seine Entwürfe sklavisch umzusetzen hatten. Auf seine Lektionen aus der Glasbilderproduktion verweist Woods Gewohnheit, jedes seiner Bilder mit einem Raster aus neun Kästchen anzulegen. Der Anti-Modernist gab zu, dass am Anfang bei ihm immer eine Abstraktion stand. Den Werkstattbetrieb und den planenden Zugriff findet man ebenfalls bei Koons wieder, an den man auch erinnert wird, wenn Geoffrey O’Brien in seiner Rezension der Whitney-Retrospektive in der „New York Review of Books“ an den späten Landschaften hervorhebt, dass hier jede Spur des Malerischen verborgen wird: „Die Elemente der natürlichen Welt nehmen den Glanz von soeben fabriziertem Spielzeug an.“ Grant Wood war ein echter amerikanischer Pionier.

Grant Wood: American Gothic and Other Fables. Whitney Museum of American Art, New York, bis 10. Juni. Der Katalog kostet 65 Dollar.

Weitere Themen

Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

Blumenmeer im Brüsseler Rathaus Video-Seite öffnen

Internationale Flower-Show : Blumenmeer im Brüsseler Rathaus

Alle zwei Jahre verschönern rund 30 internationale Floristen das gotische Gebäude mit opulenten Blumenkreationen. Sie dekorieren 13 historische Räume vom Boden bis zur Decke mit mehr als 100.000 Blumen.

Der verschwundene SS-General

„Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

Topmeldungen

Dietmar Bartsch, Linken-Fraktionschef im Bundestag, steht Rede und Antwort beim ARD-Sommerinterview.

TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.