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Grabkammer von Qatna : Das war einst ein König samt Gefolge

Bild: FAZ.NET

In Syrien haben deutsche Archäologen eine Grabkammer entdeckt, die seit Jahrtausenden nicht betreten worden ist. Sie verspricht Aufschluss über die eigentümlichen Bestattungsgebräuche des Reiches von Qatna.

          Die Kammer ist zu eng für Lebende. Wer sich aufrichtet, stößt sich leicht den Kopf an dem Gewölbe aus bröseligem Fels. Trotzdem herrscht Hochbetrieb. Mehrere Gestalten mit Mundschutz kauern auf Brettern, die einige Handbreit über den Boden gelegt sind, und zeichnen minutiös das gruselige Chaos ab, das den etwa dreißig Quadratmeter großen Raum bedeckt: menschliche Gebeine, in enormen Mengen, überall. Zwischen Wirbeln, Rippen und Oberschenkeln funkeln lauter kleine Schätze: eine goldene Rosette hier, ein Diadem dort, ein offenbar elfenbeinernes Figürchen von der Größe einer Barbie-Puppe, ein Äffchen aus Stein. Und vielerorts stehen Gefäße. Aus einer Alabastervase nahe dem Eingang glitzert es golden - sie ist mit Schmuckstücken vollgestopft.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Da hinten liegt eine Tridacna-Muschel. Die wurde als Kultgefäß benutzt“, erläutert Peter Pfälzner versonnen. Dann wird der Archäologieprofessor von der Universität Tübingen von seiner Frau ermahnt, sich ebenfalls einen Mundschutz zu holen - wer weiß, was für Schimmelpilze in einem Raum gedeihen, den seit mindestens 3340 Jahren niemand mehr betreten, geschweige denn saubergemacht hat. Heike Dohmann-Pfälzner ist die Grabungsleiterin hier im sogenannten Nordwestflügel des Königspalastes von Qatna, einer bronzezeitlichen Metropole, deren riesige Befestigungswälle noch heute weithin sichtbar sind, wenn man von der mittelsyrischen Stadt Homs achtzehn Kilometer nach Nordosten fährt.

          Spektakulärer Fund

          Am 8. August waren Frau Dohmann-Pfälzner und ihre Mannschaft auf die Felsöffnung gestoßen. Von einer Art Kellerraum in dem infolge seiner Hanglage erhaltenen Untergeschoss des Nordwestflügels führte der Weg in einen Hohlraum im anstehenden Mergel. Drei Wochen später war der Keller so weit freigelegt, dass man die Felskammer betreten konnte. Gestern endete die Grabungssaison, und am Montag wird der Fund der Weltöffentlichkeit bekanntgemacht.

          Es ist nicht die erste spektakuläre Entdeckung im Tell Mishrife, dem mehr als hundert Hektar großen Hügel aus Wällen, zerfallenem Lehmziegelwerk und anderem Siedlungsschutt, der vom alten Qatna übrig blieb. Seit 1999 leitet Peter Pfälzner mit seinem Kollegen von der syrischen Antikenbehörde die Ausgrabungen im Areal des Königspalastes. Hier war einst die Zentrale eines Königtums, das zu seiner Blüte in der Mittelbronzezeit, zwischen 1800 und 1600 vor Christus, halb Syrien kontrollierte, von der Mittelmeerküste und den Zedernwäldern des Libanon bis zur Oase Palmyra, einer wichtigen Station der Handelswege zwischen Ägypten und Mesopotamien.

          Unter den Fundamenten dieses Palastes hatte das syrisch-deutsche Archäologenteam im Jahr 2002 eine komplette königliche Gruft entdeckt, die seit der Zerstörung der Anlage um das Jahr 1340 vor Christus unberührt geblieben war. Anlage und Ausstattung dieser mehrteiligen Felskammer sind einmalig. Sie weisen auf einen merkwürdigen Totenkult hin, bei dem die Herrscherfamilie und andere Würdenträger offenbar regelmäßig zu den Bestatteten hinabstiegen, um bei ihnen rituelle Mahlzeiten abzuhalten. Die gefundenen Grabbeigaben sind von höchster Qualität. Die wichtigsten und schönsten davon werden vom 17. Oktober an im Landesmuseum in Stuttgart in einer großen Ausstellung zu sehen sein.

          Skelette ohne Schädel

          Von den königlichen Gebeinen allerdings hatten die Jahrtausende dort wenig übrig gelassen. Was die Forscher davon noch fanden - Reste von mindestens neunzehn, vielleicht bis zu dreiundzwanzig Individuen beiderlei Geschlechts -, gibt etliche Rätsel auf. So fehlten in der Königsgruft fast alle Schädel, selbst bei dem einzigen Skelett, das im anatomischen Verband vorgefunden wurde - die Gebeine der anderen Toten lagen wild durcheinander.

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