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Gotik in Naumburg : Das freudige und das bange Lächeln einer Epoche

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Der Missbrauch, den Deutschtümelei an ihm übte, hat den genialen „Naumburger Meister“ aus unserem Bewusstsein verdrängt. Jetzt rehabilitiert ihn eine Ausstellung über seine gesamteuropäische Gotik.

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          Wie lächelt ein Mensch, und warum? Welche Miene zeigt eine tückische, welche eine gütige Person? Wie verwüstet Sündhaftigkeit, wie verklärt Frömmigkeit ein Antlitz? Wann machen Laster jemanden zum Tier, wann Heldenmut? Was macht uns zu Ebenbildern des Teufels, was zu denen Gottes? Was macht uns zum Individuum? Sind wir, und ist die Welt Spiegel oder Zerrbild des Göttlichen? Entkommen auch Erzsünder der Verdammnis? Diese Fragen beschäftigten die Gelehrten und Herrschenden des frühen 13. Jahrhunderts. Den Antworten gaben, meist in einer Person, die Architekten und Bildhauer jener Epoche sinnfälligen Ausdruck.

          Paläste, Burgen, Rathäuser, vor allem aber die Kathedralen wimmelten von lebenssprühenden Dekorationen und Skulpturen, die sich schlagartig aus der vorherigen Erstarrung der Idole gelöst hatten. Vorbilder lieferte die Antike mit den raumgreifenden Gesten und sprechenden Gesichtern ihrer Statuen sowie der naturgetreuen Präzision ihrer Tier- und Pflanzendarstellungen. Reims gab, wie von Zauberhand berührt, mit seiner neuen Kathedrale den Impuls für diese Gotik, in der ein Geflecht aus Machtinteressen, Todesangst und Lebenslust, Aberglauben und Aufklärung die Kunst zu einem Äußersten an dramatischem Ausdruck trieb – und die sich schlagartig über ganz Europa verbreitete.

          Utas Karriere

          Um 1250 erreichte dieser Stil seinen Höhepunkt, um bald darauf zu vergehen. Noch heute sind wir fasziniert von der Bau- und Bildkunst jener Jahrzehnte, und sogar Schulkinder kennen noch Erwin von Steinbach, den Schöpfer des Straßburger Münster oder Villard de Honnecourt und sein Skizzenbuch gotischer Kathedralen und Statuen. Eine Generation vor uns hätte auch jeder noch den „Naumburger Meister“ genannt, jenen Bildhauer und Architekten, der in Mainz und Meißen, vor allem aber im Naumburger Dom Bauten und Skulpturen schuf, die zum Fesselndsten dieser Kunst gehören. Doch wenn ab dem kommenden Mittwoch sich die Besucher im Naumburger Dom und dem „Schlösschen“ am Naumburger Marktplatz drängen werden, dürfte vielen dieser Meister eine spektakuläre Neuentdeckung sein: wohl keinem hiesigen Künstler der Vergangenheit hat sein im 19. und 20. Jahrhundert errungener Ruhm so geschadet wie ihm.

          Das Verhängnis begann mit der oft nationalistischen Kunstgeschichte des späten 19. Jahrhunderts, die in Deutschland den (namentlich unbekannten) Künstler und seine fast beängstigend realistischen Figuren zum Inbegriff deutschen Künstlertums, und seinen Stifterzyklus im Naumburger Dom zur Elite-Schar urdeutscher Herrschertugenden verklärte. Zur Berühmtesten der Berühmten stieg Uta von Naumburg auf, Gemahlin des Markgrafen Ekkehard II. von Meißen, die der Naumburger Meister mit einer leisen Drehung des Oberkörpers wiedergegeben hat, wodurch die Geste, mit der sie den hohen Kragen ihres Umhangs wie schutzsuchend vor die rechte Gesichtshälfte hält, noch betont wird.

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