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Googles „Arts & Culture“-App : Ist Helene Fischer eigentlich ein Knabe?

  • -Aktualisiert am

Ein Knabenporträt von Pinturicchio als Helene Fischer. Bild: Imago

Etwas mehr Profil bitte: Google entdeckt via „Arts & Culture“-App unsere Doppelgänger in der Kunstgeschichte. Aber sind die Ähnlichkeiten wirklich so groß, wenn man genau hinsieht?

          6 Min.

          Irgendwo da draußen, in einer abgelegenen Galerie irgendeines Museums, gibt es mich. Und dank Google kann ich mich, nachdem ich ja eigentlich echt schon sehr, sehr lange nicht mehr auf die Idee gekommen bin, mich selbst zu googeln, finden. Ich mache ein Selfie am Schreibtisch, und das Display zeigt mir einen bärtigen Mann von Frans Hals. Das Porträt eines Kapitäns aus der Hand eines unbekannten Meisters. Und mehr Männer mit roten Bärten in Halskrausen. I’m so baroque! Vielleicht gibt es aber auch außerhalb der flämischen Porträtmalerei einfach nicht so viele Rothaarige.

          Die populärste unter den kostenlosen Apps in Apples Store war diese Woche eine, die tief in die Keller der Kunstgeschichte hinabsteigt und als Spiegelbild ein Gemälde zurückwirft, das aussieht wie man selbst. Und noch ein paar andere zur Auswahl, versehen mit Ähnlichkeitswerten zwischen 35 und 95 Prozent. Bisher ist die Funktion nur in den Vereinigten Staaten verfügbar, aber mit einer Proxy-App wie „NordVPN“ lässt sie sich überall nutzen.

          „Wir wurden von der Nachfrage völlig überrascht“, sagte ein Google-Mitarbeiter. Schließlich dümpelt Googles „Arts & Culture“-App schon länger vor sich hin, so richtig spannend ist der virtuelle Rundgang durch Museen, die ihre Sammlungen zur Verfügung stellen, dann doch nicht. Vor einem Monat kam die Gesichtsvergleichsfunktion hinzu. Aber erst vor einer Woche brach der Hype los. Geben Sie mal auf Instagram den Hashtag #GoogleArtsCulture ein. Es ist lustig. Links die Normalos, rechts ihre Doppelgänger aus 3000 Jahren. Die Ähnlichkeiten sind beeindruckend. Und wenn sie es nicht sind, dann sind die Abweichungen genauso interessant.

          Horst Seehofer als St. Petrus, in der Darstellung von Annibale Carracci, Museu Nacional d’Art de Catalunya - MNAC, Barcelona. Bilderstrecke
          Horst Seehofer als St. Petrus, in der Darstellung von Annibale Carracci, Museu Nacional d’Art de Catalunya - MNAC, Barcelona. :

          Leute helfen auch nach. Es ist nicht immer leicht, die tatsächlichen Ergebnisse von den montierten zu unterscheiden. Der Account „latenighttalkshow“ sieht 99 Prozent Übereinstimmung zwischen einem Steak nagenden Donald Trump und Goyas Saturn, der seinen Sohn verschlingt; wiederholen lässt sich das Ergebnis nicht. Eine Karikatur des „New Yorker“ sieht dagegen 75 Prozent Übereinstimmung zwischen Donald Trump und Marcel Duchamps Urinal.

          Das Spiel ist ja so alt wie das Museum: Schau mal, da bist du. Und das bin ich. Es ist lustig, wenn man sich selbst in einer Daphne oder einem Satyr sieht, je älter und fremder, desto besser. Es belebt der Bezug auf ein Drittes die Kommunikation beziehungsweise auf das Werk eines Dritten, dessen Intention man kidnappt, vorsätzlich verzerrt und ins eigene Leben hereinholt.

          Das Fenster zur Welt hat die Form meines Gesichts

          Der aufregendste Blick auf die Kunst scheint gerade der über die Kunst zurück auf sich selbst zu sein. Mein Fenster zur Welt hat die Form meines Gesichts. Das Netz war schon vor dieser Sache voll mit Fotos von Leuten, die im Museum ihren leibhaftigen, wirklich total identischen Doppelgänger gefunden haben. Der Schriftsteller und Künstler Douglas Coupland („Generation X“) hat kürzlich zum Van-Gogh-Ähnlichkeitswettbewerb aufgerufen. 500 000 Abstimmende identifizierten unter 1250 eingesandten Gesichtern den echtesten van Gogh mit dem wogendsten rötesten Bart, den verstörtesten Augen und der brütendsten Stirn.

          Zufällig sind wir hier in der Redaktion auf eine Ausgabe der Jugendzeitschrift „twen“ aus dem Jahr 1963 gestoßen, in der Köpfe von Filmstars mit ihren Ahnen aus der Antike verglichen werden, Paul Newman steht da neben einem hellenistischen Jüngling. Auf der Documenta erinnerte das Künstlerduo Prinz Gholam an die „Life“-Ausgabe aus dem Jahr 1947, in der die Fotografin Nelly im Vergleich zwischen hellenistischen Statuen und total inszenierten Porträts einfacher Griechen die Konstanz der Rassen beweisen wollte. Was ein Beispiel dafür ist, dass die Suche nach Ähnlichkeiten auch das Allerlangweiligste, Gedankenverklebendste sein kann.

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