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Google erobert Museen : Kunstgeschichte in verblüffender Lichtstärke

Google hat die erste Kooperation mit einem Museum von Weltrang geschlossen: Internetnutzer können sich nun in Meisterwerke des Prado zoomen. Verlieren die Bilder in dieser Darstellung ihre ursprüngliche Wirkung?

          Bisher konnte man mit Google Earth virtuell Madrid anfliegen und sich ein paar Sehenswürdigkeiten genauer anschauen, zum Beispiel den Prado. Von jetzt an erlaubt das Internet-Werkzeug, halb Atlas, halb Mikroskop, noch einiges mehr: den Flug ins Innere des Gebäudes und atemraubend vergrößerte Ansichten von vierzehn Prado-Meisterwerken, darunter Dürers Selbtbildnis, Tizians Reiterporträt Karls V. in Mühlberg, El Grecos „Mann mit der Hand auf der Brust“ und Goyas „Drittem Mai“.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Dank des ersten Kooperationsvertrags zwischen Google und einem Museum von Weltrang werden Internetnutzer so nah vor die Gemälde gebracht, wie es nicht einmal leibhaftigen Museumsbesuchern möglich ist, zu schweigen von entlegenen Bildwinkeln, die schon wegen der räumlichen Entfernung niemandes Auge erforschen kann. Die neue Erfassungstechnologie übertrifft das, was eine Digitalkamera mit zehn Megapixeln leistet, um das Tausendvierhundertfache. Das alte Buch der Kunst lässt sich neu lesen.

          Unerhörter Realismus

          Um die Werke digital zu erfassen, waren drei Monate und mehr als 8200 hochauflösende Fotografien erforderlich. Alle Puzzleteilchen zusammen ergeben buchstäblich Landkarten der Gemälde, die der Benutzer mit dem stufenlosen Zoom Punkt für Punkt untersuchen und sich in verblüffender Lichtstärke vor das Auge holen kann. Bei der Präsentation in Madrid sagte Prado-Direktor Miguel Zugaza, dieser unerhörte Realismus „universalisiere“ unsere Kenntnis der Werke und gebe Forschern, Lehrern und Kunstliebhabern ein einzigartiges Instrument in die Hand. Ganz sicher erlaubt er ein neues Sehen und öffnet bisher verborgene Türen. Handgreiflich werden die Vorteile beim „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch. Selbst nach erfolgreicher Restaurierung bewahrt das Tryptichon seine Rätsel, nicht nur, weil manches daran schwer deutbar ist, sondern weil wegen der Absperrung im Saal nicht alle winzigen Details der wimmelnden Himmel-Erde-Höllen-Szenerie erfasst werden können.

          Auch die „Kreuzabnahme“ von Rogier van der Weyden, eines der spektakulärsten Gemälde des Prado, profitiert von der digitalen Kartographierung. Zehn Personen, von denen sechs weinen, ein Geschehen voller Trauer und Geheimnis: Nicht einmal die verschwenderisch ausgestattete Monographie von Dirk de Vos kann annähernd so viele Einzelheiten zeigen. Dass jede Faser der üppigen Gewänder, jedes Härchen der Pelze und Samtstoffe, jeder Blutstropfen und jeder Fingernagel mit Bedacht gemalt wurden, ist jetzt am eigenen Computer erfahrbar.

          Am Kinn hat die Klinge versagt

          Da es aber nicht darum geht, Käfer und Blümchen zu zählen, kommt auf die Kunstpädagogen eine neue Aufgabe zu. Sie müssen verhindern, dass sich die plötzlich sichtbar gewordenen Google-Details, wenn es ans Deuten und Verstehen der Gemälde geht, in naiven Positivismus verwandeln. Denn einerseits war van der Weyden natürlich klar, aus welcher Entfernung seine Zeitgenossen die „Kreuzabnahme“ sahen. Seine minutiöse Maltechnik wollte keine Präzisionsrekorde brechen oder den Betrachter animieren, mit dem Mikroskop anzurücken, sondern eine bestimmte Bildwirkung erzielen. Das ist ihr in den knapp sechshundert Jahren bis zur Erfindung von Google Earth auch gelungen.

          Zum anderen ist Rogiers Detailnaturalismus nur ein weiteres ästhetisches Steuerungsmittel neben Komposition, Farbgebung, Lichteffekten und dem Spiel mit der mittelalterlichen Ikonographie. Diese Elemente arbeiten sowohl mit- wie auch gegeneinander. Denn die „Kreuzabnahme“ simuliert die Effekte von Relief und Skulptur, strebt in den überirdisch klaren Farben aber zur reinen Malerei. Sie zelebriert den Augenblick, schildert jedoch einen Prozess. Der Raum selbst ist ein grandioses Täuschungsmanöver. Einerseits kann er kaum schultertief sein, da die beiden großen Nägel, die der Gehilfe auf der Leiter in der Hand hält, über den oberen Bildrahmen hinausragen (was man mit Google Earth tatsächlich sieht); andererseits nimmt der Raum auf so wundersame Weise Tiefe an, dass sich darin vier Personen und ein Kreuz staffeln lassen. Die Figur des Pharisäers Nikodemus übrigens, dem unsere Abbildungen bis ins tränenfeuchte Auge folgen, dürfte das einzige realistische Porträt des Gemäldes sein.

          Bisher, aus der Entfernung, mochte der Besucher sich fragen, ob die letzte Rasur vier oder nicht doch eher sechs Stunden zurücklag. Mit Google Earth entdeckt er sogar, dass am Kinn seine Klinge versagt hat.

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