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Schätze Heinrichs II. in Basel : Des Kaisers Gespür für Ruhm

Loch im Bauch für die Reliquien des einzig heiliggesprochenen deutschen Kaisers: Heinrich II. und Gemahlin Kunigunde, um 1430/40 Bild: Paderborn, Erzbischöfliches Diözesanmuseum und Domschatzkammer / Thomas Obermeier

Am Beispiel der Stiftungen des letzten Ottonen Heinrich des Zweiten in Basel lässt sich ersehen, wie viel glänzender das Mittelalter als die finstere Gegenwart war.

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          Die Longue durée als Narrativ ist heutzutage bei Historikern verpönt, eröffnet das geschichtliche Hakenschlagen und Konstatieren andauernder Brüche und Sonderbedingungen doch mehr wissenschaftliche Arbeitsfelder. Dennoch gibt es weit zurückliegende Akte, deren Bedeutung bis in die Gegenwart reichen und diese teils fundamental prägen im Sinne eines „wäre alles heute nicht, wenn damals nicht“. Eine solche Conditio sine qua non bildete vor genau tausend Jahren die Stiftung und Ausstattung des Basler Münsters mit einem selten opulenten Kirchenschatz durch den letzten Ottonenkaiser Heinrich II. Der Kaiser tätigte diese Stiftungen nicht aus altruistischen, sondern aus machtpolitischen Motiven: Basel war damals erst seit kurzem Teil des ostfränkischen Reichs; bis 1006 gehörte es, heute nahezu vergessen, zum Königreich Burgund.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Indem Heinrich II. den Basler Bischof Adalbero, der ab 999 erstaunliche sechsundzwanzig Jahre regieren sollte und damit seinen Kaiser noch um ein Jahr überlebte, in seiner Machtausübung durch Privilegien, Ländereien und eine beträchtliche Menge Silber massiv stützte, legte er den Grundstein für die außerordentliche Bedeutung dieser Stadt bis heute. Nur zehn Jahre später konnte die erste wehrhafte Stadtmauer errichtet werden, die Basel das gesamte Mittelalter hindurch vor Eroberung schützte. Eine kostspielige Steinbrücke über den Rhein amortisierte sich rasch durch den schwunghaften Aufstieg Basels zu einer wichtigen und zentral gelegenen Handelsstadt zwischen dem italienischen Süden und dem deutschen Norden des Reichs. Im Spätmittelalter wurde sie wegen dieser Scharnierstellung Austragungsort des mit achtzehn Jahren Dauer längsten Kirchenkonzils der Geschichte.

          Der Reichtum der Stadt wiederum ermöglichte eine der wichtigsten Universitäten des Humanismus, die später nicht nur den sechundzwanzigjährigen Nietzsche zum Professor ernannte, sondern viele weitere überragende Köpfe, darunter einer der Väter der Kunstgeschichte, Jakob Burckhardt. Vor allem aber war die Universität eine Art Petrischale für die florierende chemisch-pharmazeutische Industrie der Stadt, die Basel bis heute zu einer selbst für Schweizer Verhältnisse überdurchschnittlich wohlhabenden Kommune macht. Man kann so weit gehen, alle diese Folgen auf die außerordentliche Stärkung und Privilegierung der Stadt 1019 zurückzuführen. Dabei handelte Kaiser Heinrich, wie gesagt, keinesfalls uneigennützig – durch die enge Anbindung Bischof Adalberts hatte er im Südwesten des Reichs eine starke Bastion und Grenzstadt gegen das feindselige Königreich Burgund König Rudolfs III. Allein das war unbezahlbar.

          Gold gab ich gegen Gallensteine: Das Baseler Antependium von 1019 mit dem miniaturisierten Kaiserpaar zu Füßen des „Arztes“ Christus in der Mitte. Bilderstrecke

          Erst recht „unbezahlbar“ für den Kaiser war eine der kostbarsten Schenkungen des Mittelalters, das sogenannte Baseler Antependium, ein edelmetallener und edelsteinverzierter Altarvorsatz aus 5,6 Kilogramm purem Gold, 120 Zentimeter hoch, 177 Zentimeter lang. In dieser Monumentalität existieren überhaupt nur noch drei weitere Goldtafeln aus dem Mittelalter. Seit dem neunzehnten Jahrhundert befindet sich das Prunkstück der ottonischen Goldschmiedekunst im Musée de Cluny in Paris, seit 63 Jahren wurde es nun zum ersten Mal wieder für die Baseler Ausstellung „Gold und Ruhm“ dem dortigen Historischen Museum ausgeliehen.

          In fünf säulengerahmten Arkaden stehen mittig der fast einen Kopf größere Christus mit Sphaira, dem goldenen Weltenapfel; zu seiner Rechten, der heraldisch herausgehobenen Seite, der Anführer der Erzengel Michael und Benedikt von Nursia, Gründer des nach ihm benannten Mönchsordens. Zu seiner Linken flankieren ihn die Erzengel Gabriel und Rafael. Die Aufnahme Benedikts in das Bildprogramm überrascht, da im von Heinrich gestifteten Basler Münster kein Altar für diesen Heiligen existierte und insbesondere Altarantependiumsstiftungen sich stets an den Patroziniumsheiligen der Kirche oder an den Altären orientierten. Zudem irritiert die auch auf größere Distanz gut lesbare intarsierte Inschrift auf dem Altar in sorgfältiger Kapitalis-Schrifttype.

          Nur aus Engelsperspektive zu sehen

          Dort steht in einem ungewöhnlichen Mix aus den drei heiligen Sprachen der Bibel, Latein, Griechisch und Hebräisch, ein Lobpreis auf Christus und Benedikt gleichermaßen als Medicus-Arzt und „Soter“, Retter. Die kostbare Goldtafel, jahrhundertelang dem Hauptaltar des Basler Münsters vorgeblendet, war ursprünglich also gar nicht für die Bischofskirche vorgesehen: Sie war für einen Altar des heiligen Benedikt gedacht, sehr wahrscheinlich, da dieser als legendenumworbener „Arzt“ Heinrich von seinen Gallensteinen erlöste. Auch diese Heilung von dem potentiell todbringenden Leiden war unbezahlbar; das Beste, also fast sechs Kilo Gold und viele antike Gemmen und Edelsteine aus dem kaiserlichen Schatz für die Ornamentierung deshalb gerade gut genug.

          Aus beiden Stiftungen des Kaisers spricht wie aus allen mittelalterlichen Schenkungen die pragmatische Haltung eines „do ut des“: Ich gebe, damit Du – durchaus auch Gott und seine Heiligen – mir gibst. Oder zum Dank, weil „Er“ gegeben hatte. Vermutlich in Bamberg entstanden, der von Heinrich 1007 auf sieben Hügeln mit je einer Kirche in Form eines nur aus Engelsperspektive zu sehenden großen Stadtkreuzes errichteten Planstadt, war der goldene Altarvorsatz möglicherweise für das benediktinische Urkloster Montecassino in Oberitalien vorgesehen.

          Eine Phalanx an Meisterwerken

          Weil aber der damalige Abt des gigantischen Klosterkomplexes auf einem Bergrücken als korrupt galt, rückte der Kaiser offenbar von dem Plan einer Stiftung an dessen Kloster ab. So gelangte das Antependium zwar mit den „falschen“ Heiligen, aber goldrichtig als symbolpolitische und für jedermann verständliche Stärkung des Grenzbischofs Adalbero in das Baseler Münster, wo es selbst während der Bilderstürme der Reformationszeit von 1529 bis 1827 in der dortigen Sakristei versteckt blieb. Erst im neunzehnten Jahrhundert wurde es über die Zwischenstation des Basler Goldschmieds Handmann, der vom Vater Jakob Burckhardts einen flammenden Werbetext dafür schreiben ließ, an den französischen Oberst Theubet verkauft. Dieser konnte es nach fünfzehn langen Jahren Mitte des Jahrhunderts an das Musée de Cluny veräußern.

          Was kann uns dieses fast obszön glänzende Goldobjekt heute noch sagen, und warum sollte man die Ausstellung in Basel auf keinen Fall verpassen? Es ist die größte Schau ottonischer Kunst seit und für lange Zeit: Außer dem Antependium ist auch die zweite nachgewiesene Stiftung des Kaisers für Basel, das sogenannte Heinrichskreuz, aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum mit einer riesigen römischen Chalzedon-Phalera ausgeliehen, einem antiken-militärischem Ehrenzeichen als Christus-Kopf. Derartige Antiken-Remixe sind zugleich Ausweis einer unstillbaren Neugier und Begeisterung für die Antike - auch das gezeigte Kölner Goldkreuz weist ein mit Frauenfrisur kaum christusartiges antikes Lapislazuliköpfchen in Blau der Kaiserin Livia als Kontinuitätsgaranten auf.

          Der Gertrudis-Altar aus Cleveland, Teil des legendären Welfenschatzes, der aufgrund von Rechtsstreitigkeiten sicher niemals nach Deutschland ausgeliehen worden wäre, ist hier ebenso zu sehen wie nahezu alle Hauptstücke eines weiteren zentralen Reichsbischofs Heinrichs, Bernward von Hildesheim, unter anderem die von ihm selbst gefertigten teilvergoldeten Silberkandelaber, das Bernwards-Evangeliar sowie dessen wertvolles Kruzifix aus Silber. Alle kostbaren Medien wie Schmiedearbeiten aus Edelmetallen, Elfenbeinschnitzereien, einige der bedeutendsten Handschriften auf Pergament und fatimidische, das heißt ägyptische Bergkristall-Schleifarbeiten sind zu bewundern. Diese Phalanx an Meisterwerken hätte zu einer kalt funkelnden Pracht in den wegen der empfindlichen Manuskripte abgedunkelten Sälen ausarten können, die man nur um des Übertrumpfens anderer Museen willen aufgehäuft hätte.

          In nicht einmal zwei Jahrzehnten Bauzeit

          Aber es bleibt nicht bei der Schatzkunst. Vielmehr wird diese eingebettet in den Aufweis einer künstlerischen wie intellektuellen Blütezeit unter dem letzten Ottonenkaiser, veranschaulicht durch ein wahrscheinlich ebenfalls in Bamberg entstandenes elfenbeinernes Schachspiel, das so abstrakt ist, dass es auch aus der Bauhauswerkstatt von 1919 stammen könnte. Oder durch ein um 1000 entstandenes arabisches Astrolab aus ottonischem Klosterbesitz, das die hochstehende Wissenschaft der Mönche und den ununterbrochenen Austausch mit der arabischen Welt – auf den Buchdeckel einer seiner prächtigstenHandschriften-Stiftungen für den Bamberger Dom, dem nach seinem Entstehungsort benannten „Reichenauer Evangeliar“, lässt Heinrich einen Edelstein mit einem der Namen Allahs anbringen – ebenso versinnbildlicht wie die ausgestellten astrologischen, genealogischen oder mathematischen Handschriften.

          Die Gelehrten um 1019 in den Klöstern und am Kaiserhof, der ununterbrochen mobil und auch die hinterste Provinz nicht vernachlässigend von Italien bis an die Ostsee durch das Reich wandert, könnten es an Denkkapazität und philosophischer Bildung mit jedem Wissenschaftler unserer Zeit aufnehmen. Der in seinen Ausmaßen hangargroße Heinrichsdom in Bamberg wie auch das unwesentlich kleinere Basler Münster entstehen in nicht einmal zwei Jahrzehnten Bauzeit, ebenfalls noch im elften Jahrhundert und in ebenso rasanter Geschwindigkeit erwachsen die riesigen Kaiserdome von Speyer, Worms und Mainz. Angesichts unendlicher Baugeschichten wie dem Berliner Flughafen oder ihre Völker mit Lügenmärchen systematisch verdummender Regierungsnarren in England und Nordamerika würde das in Basel in einmaliger Weise zu sehende luzide Mittelalter mit Schrecken in die finstere Gegenwart blicken.

          Gold und Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit. Im Kunstmuseum Basel bis zum 19. Januar 2020.
          Der Katalog im Hirmer Verlag kostet 49,80 Euro.

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