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Schätze Heinrichs II. in Basel : Des Kaisers Gespür für Ruhm

Was kann uns dieses fast obszön glänzende Goldobjekt heute noch sagen, und warum sollte man die Ausstellung in Basel auf keinen Fall verpassen? Es ist die größte Schau ottonischer Kunst seit und für lange Zeit: Außer dem Antependium ist auch die zweite nachgewiesene Stiftung des Kaisers für Basel, das sogenannte Heinrichskreuz, aus dem Berliner Kunstgewerbemuseum mit einer riesigen römischen Chalzedon-Phalera ausgeliehen, einem antiken-militärischem Ehrenzeichen als Christus-Kopf. Derartige Antiken-Remixe sind zugleich Ausweis einer unstillbaren Neugier und Begeisterung für die Antike - auch das gezeigte Kölner Goldkreuz weist ein mit Frauenfrisur kaum christusartiges antikes Lapislazuliköpfchen in Blau der Kaiserin Livia als Kontinuitätsgaranten auf.

Der Gertrudis-Altar aus Cleveland, Teil des legendären Welfenschatzes, der aufgrund von Rechtsstreitigkeiten sicher niemals nach Deutschland ausgeliehen worden wäre, ist hier ebenso zu sehen wie nahezu alle Hauptstücke eines weiteren zentralen Reichsbischofs Heinrichs, Bernward von Hildesheim, unter anderem die von ihm selbst gefertigten teilvergoldeten Silberkandelaber, das Bernwards-Evangeliar sowie dessen wertvolles Kruzifix aus Silber. Alle kostbaren Medien wie Schmiedearbeiten aus Edelmetallen, Elfenbeinschnitzereien, einige der bedeutendsten Handschriften auf Pergament und fatimidische, das heißt ägyptische Bergkristall-Schleifarbeiten sind zu bewundern. Diese Phalanx an Meisterwerken hätte zu einer kalt funkelnden Pracht in den wegen der empfindlichen Manuskripte abgedunkelten Sälen ausarten können, die man nur um des Übertrumpfens anderer Museen willen aufgehäuft hätte.

In nicht einmal zwei Jahrzehnten Bauzeit

Aber es bleibt nicht bei der Schatzkunst. Vielmehr wird diese eingebettet in den Aufweis einer künstlerischen wie intellektuellen Blütezeit unter dem letzten Ottonenkaiser, veranschaulicht durch ein wahrscheinlich ebenfalls in Bamberg entstandenes elfenbeinernes Schachspiel, das so abstrakt ist, dass es auch aus der Bauhauswerkstatt von 1919 stammen könnte. Oder durch ein um 1000 entstandenes arabisches Astrolab aus ottonischem Klosterbesitz, das die hochstehende Wissenschaft der Mönche und den ununterbrochenen Austausch mit der arabischen Welt – auf den Buchdeckel einer seiner prächtigstenHandschriften-Stiftungen für den Bamberger Dom, dem nach seinem Entstehungsort benannten „Reichenauer Evangeliar“, lässt Heinrich einen Edelstein mit einem der Namen Allahs anbringen – ebenso versinnbildlicht wie die ausgestellten astrologischen, genealogischen oder mathematischen Handschriften.

Die Gelehrten um 1019 in den Klöstern und am Kaiserhof, der ununterbrochen mobil und auch die hinterste Provinz nicht vernachlässigend von Italien bis an die Ostsee durch das Reich wandert, könnten es an Denkkapazität und philosophischer Bildung mit jedem Wissenschaftler unserer Zeit aufnehmen. Der in seinen Ausmaßen hangargroße Heinrichsdom in Bamberg wie auch das unwesentlich kleinere Basler Münster entstehen in nicht einmal zwei Jahrzehnten Bauzeit, ebenfalls noch im elften Jahrhundert und in ebenso rasanter Geschwindigkeit erwachsen die riesigen Kaiserdome von Speyer, Worms und Mainz. Angesichts unendlicher Baugeschichten wie dem Berliner Flughafen oder ihre Völker mit Lügenmärchen systematisch verdummender Regierungsnarren in England und Nordamerika würde das in Basel in einmaliger Weise zu sehende luzide Mittelalter mit Schrecken in die finstere Gegenwart blicken.

Gold und Ruhm – Geschenke für die Ewigkeit. Im Kunstmuseum Basel bis zum 19. Januar 2020.
Der Katalog im Hirmer Verlag kostet 49,80 Euro.

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