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Betörender Glanz: Rippenkrug aus Achatglas Bild: Kunstpalast Düsseldorf

Diebstahl im Kunstpalast : Operation Kristall

Bis vor wenigen Tagen waren die historischen Gläser aus dem Kunstpalast in Düsseldorf spurlos verschwunden. Nun ist die Glaskunst in Italien sichergestellt worden – und ein deutsches Paar verhaftet.

          2 Min.

          Im Museum Kunstpalast in Düsseldorf sind sie auf der Website zu sehen: die zwölf historischen Gläser, die am 8. Februar 2000 aus dem Glasmuseum Hentrich gestohlen wurden. Bis vor ein paar Tagen waren sie – sieben Becher, zwei Pokale, zwei Vasen und ein Krug – spurlos verschwunden gewesen, jetzt konnten sechs von ihnen sichergestellt werden. Im piemontesischen Alba hat die italienische Polizei ein deutsches Paar, einen 67 Jahre alten Mann und eine 63 Jahre alte Frau, bei dem Versuch festgenommen, die Kunstwerke, deren Versicherungswert 700.000 Euro beträgt, zurückzugeben und dafür 200.000 Euro zu erpressen. Dafür hatte es ein Treffen in einem Hotel vorgeschlagen, das zur Falle wurde. Statt eines Unterhändlers des Museums warteten die Carabinieri. So berichtet es die Nachrichtenagentur dpa.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Wer bei der Düsseldorfer Polizei, die die Ermittlungen leitet, nachfragt, um mehr zu erfahren, wird vertröstet: Details könnten nicht genannt werden, denn es liefen Anschlussermittlungen, auch müssten Dokumente übersetzt werden; nähere Informationen würden erst mitgeteilt, wenn die Kunstwerke wieder im Land seien, das könne ein paar Wochen dauern. Die Zurückhaltung ist einerseits verständlich, denn die Nachforschungen zu den sechs noch fehlenden Kunstwerken könnten gefährdet werden. Andererseits ist sie verwunderlich, denn in den italienischen Medien hat der Fall, offenbar auf der Basis von Informationen der Polizei, ein ungewöhnlich lautes Echo gefunden, so dass sich die ausführliche und detailreiche Berichterstattung wie das Drehbuch zu einem Krimi liest. Dabei werden, das lässt das italienische Presserecht zu, die verhafteten Personen mit Namen genannt.

          In flagranti verhaftet

          Demnach hat der mutmaßliche Erpresser unter falschem Namen Anfang des Jahres dem Museum Kunstpalast mit genauen Informationen über die Objekte glaubhaft gemacht, dass sie sich in seinem Besitz befinden, und für die Rückgabe 200.000 Euro gefordert. Bedingung sei gewesen, dass diese Übergabe nicht in Deutschland, sondern in Italien erfolge. Die Polizei hat daraufhin die deutsche Botschaft in Rom eingeschaltet, wo es zu einem Treffen mit der „Einheit für den Schutz des Kulturguts“ der Carabinieri kam und beschlossen wurde, die versteckte „Operazione Kristall“ zu organisieren, um den Austausch von Hehlerware und Geld zu unterbinden.

          Die Carabinieri haben, das vermitteln die Einzelheiten, alle Register gezogen und die ganz große Maschinerie angeworfen, wie er bei einem Mafiaboss oder Gewalttäter anstünde. Schon vor dem vereinbarten Treffen hatten sie das Paar identifiziert, indem sie die Telefone lokalisiert und die Gespräche abgehört haben. In dem kleinen Ort Gorzegno, wo der Mann seit 2015 wohnte, erfuhren sie von Nachbarn, dass er hier mit dem Spitznamen „L’avvocato“ bekannt sei, weil er sich als Rechtsexperte aufgespielt habe – ein Anspruch, dem er offenbar nicht gewachsen war, doch später sei das Paar, wohl weil es Schulden hatte, auf einen Bauernhof bei Dego in Ligurien gezogen.

          Von dem Moment an, als er mit zwei schweren Taschen das Haus verließ und in seinen blauen Audi stieg, wurde der Mann observiert, und in dem Hotel, das mit Wanzen und Kameras ausgestattet wurde, traten Polizisten als Personal und als Gäste auf. Ein Kunstexperte wurde hinzugezogen, der die Echtheit der Werke prüfte. Dann griffen die Carabinieri zu: Das Paar wurde in flagranti wegen versuchter Erpressung und Hehlerei verhaftet. Das bedeutendste der sechs Gläser ist ein Rippenkrug aus Achatglas („Calcedonio“, um 1600), der in Murano hergestellt wurde (unser Bild) und aus dem Besitz der Fürstin Constance Marie zu Salm-Reifferscheidt-Dyck (1767 bis 1845) stammt.

          Die Carabinieri dokumentieren und feiern den Fahndungserfolg wie in Italien üblich mit einer Schautafel, die den Triumph ins Bild setzt: Wie auf einem Altar sind die Kunstwerke auf einem Tisch aufgebaut, daneben hält ein Polizist (mit Maske) gleichsam Wache, während der Einsatzleiter (ohne Maske, aber mit Handschuhen) mit Stolz und ordengeschmückter Brust die unversehrten Kunstwerke präsentiert. Bella figura! Es sei, so wird betont, zu einer guten Kooperation der Behörden beider Länder gekommen, und vielleicht ging es, nach den Verstimmungen und Verärgerungen der vergangenen Monate, ja vor allem darum, genau das zu demonstrieren.

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