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Ausstellung in Madrid : Anklage des autoritären Staates

Spanische Würde im Angesicht des Todes: „Die Erschießung von Torrijos und seinen Gefährten“ von Antonio Gisbert Bild: Prado

Der Prado widmet einem seiner großen Historiengemälde eine Ausstellung: Glanz fällt auf Antonio Gisbert und seine „Erschießung von Torrijos und seinen Gefährten“ von 1888.

          Es gibt gute Gründe dafür, dass die spanische Historienmalerei der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts weitgehend vergessen ist – die Gemälde sind riesig, die Techniken überholt, und die Ereignisse, um die es geht, sagen den meisten Betrachtern nichts mehr. Goya, der Titan, hat durch seinen existentiellen Pessimismus alle Geschichtsmalerei überstiegen und in den Augen der Nachwelt überflüssig gemacht.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Zu den wenigen Ausnahmen gehört eine sechs Meter lange Leinwand von Antonio Gisbert (1834 bis 1901), die im Prado jetzt zu den Ehren einer eigenen Kabinettausstellung gekommen ist. Die „Erschießung von Torrijos und seinen Gefährten am Strand von Málaga“, vollendet im Jahr 1888 in Paris, zeigt die ominösen Augenblicke vor dem Tod einer Gruppe spanischer Liberaler, die 1831 gegen das autoritäre Regime Ferdinands VII. aufbegehrt hatten und durch den Verrat des Militärgouverneurs von Málaga in die Hände der Staatsmacht gefallen waren. Ohne Verfahren wurden General José María Torrijos und seine Kameraden am Strand füsiliert.

          Was das Gemälde unvergesslich macht, sind die meisterliche Komposition und der Ausdruck in den Gesichtern der Todgeweihten. Fast dreißig Jahre zuvor hatte Gisbert drei Comuneros auf der Hinrichtungsstätte gemalt – das Bild hängt heute im spanischen Parlament –, aber noch nie hatte er Würde, Mut und die in sich gekehrte Konzentration einer so großen Gruppe vor dem Tod dargestellt, schon gar nicht in diesem Format. Die Vorstudie zeigt, dass der Künstler im rechten Bildteil mehrere Figuren mit dramatisch hochgerissenen Armen wie in Goyas „Erschießung der Aufständischen“ geplant hatte. Doch er entschied sich dagegen: Zum Bildprogramm wurden kontrollierte Trauer und radikale Schlichtheit, die noch heute berühren.

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          Ein milchiger Morgen mit Flecken von Blau am Himmel. Im Hintergrund das Kloster, in welchem die Gefangenen übernachtet haben. Torrijos und seine Gefährten blicken ernst, gefasst und im vollen Bewusstsein ihrer Mission in die kurze Zukunft, die ihnen bleibt. Kapuzinermönche (in Wahrheit waren es Karmeliter) verbinden ihnen die Augen oder lesen heilige Worte. Links umarmen sich zwei zum Abschied. Die Verurteilten sind mit den Händen aneinander gebunden, doch Torrijos, vorn im braunen Mantel, übertrumpft die Maßnahme, indem er die Hände zweier Kameraden ergreift. Der Herr zu seiner Rechten ist ein ehemaliger Parlamentspräsident, der Mann mit dem rötlichen Haar sein Freund Robert, der ihn im englischem Exil unterstützt hatte. Vorn liegen vier bereits Erschossene. Und dann natürlich der einsame Zylinder, ein Bildzitat nach Jean-Léon Gérômes düsterem Ölgemälde „Die Hinrichtung des Marschalls Ney am 7. Dezember 1815“ (1868). Über die Kapuziner will man kaum mehr sagen, als dass sie ihre Aufgabe erledigen. Einer von ihnen soll, nachdem das Töten hinter ihm lag, verrückt geworden sein.

          Nach der kurzlebigen Verfassung von Cádiz 1812 stellte Torrijos’ Unternehmen 1831 einen weiteren Versuch dar, die spanische Monarchie durch einen Verfassungsstaat zu bändigen. Entsprechend waren es die liberaleren Jahre zwischen 1886 und 1890, die nach symbolischem Ausdruck fortschrittlicher Werte suchten: Torrijos und seine Gefährten sollten zu Märtyrern der Freiheit erhoben werden und das neue Narrativ der spanischen Nation verkörpern. Antonio Gisbert selbst bot der Regierung das Motiv zur Gestaltung an. In einem detaillierten Brief nennt er Thema, Technik und Format, die voraussichtliche Arbeitsdauer (drei Jahre) und den Preis (vierzigtausend Peseten, damals eine sehr hohe Summe, die keiner seiner Kollegen für ein Auftragswerk vom Staat zu fordern gewagt hatte). Den kostbaren Rahmen ließ er sich extra bezahlen. In Paris, wo er arbeitete, hatte er natürlich die Vorbilder für Szenen von Erschossenen vor Augen, etwa Delacroix („Die Freiheit führt das Volk“, 1830) und Meissoniers „Barrikade in der Rue de la Mortillerie“ (1849). Die Gravitas, das völlig Unpompöse der spanischen Würde, ist jedoch ganz seine.

          Die Ausstellung im Saal 61 des Prado zeigt Skizzen, Porträts und Dokumente, darunter den Abschiedsbrief von Torrijos an seine Frau, der denselben Mut ausdrückt wie sein Gesicht. Bis heute ist „Die Erschießung von Torrijos und seinen Gefährten“ das einzige Gemälde des Prado, das der Staat in Auftrag gab. Im Lauf seiner Wirkungsgeschichte von hundertdreißig Jahren hat seine Konjunktur stark geschwankt. Zeitgenössische Dichter haben es besungen, Maler es gerühmt; doch im zwanzigsten Jahrhundert wirkte es neben Goyas „Erschießung der Aufständischen“ weniger modern und verschwand aus dem Gedächtnis, mit Ausnahme des Jahres 1931, als die Zweite Spanische Republik hundert Jahre nach dem Ereignis der Tötung der mutigen Liberalen gedachte. Dann wieder: Winterschlaf. Leben im Dunkel des Depots. Erst zur Eröffnungsausstellung des Prado-Erweiterungsbaus 2007 wurde Antonio Gisbert wieder zum Bannerträger der spanischen Historienmalerei. Und das könnte er bleiben.

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