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Gigantomanie in der Kunst : Groß, größer, am größten

  • -Aktualisiert am

Der Künstler Damien Hirst liegt im Trend: Er will im Südwesten Englands eine ganze Stadt bauen. Auch Galerien werden immer größer, und Skulpturen müssen mit Kränen bewegt werden. Wohin führt das Megawachstum der Kunstwelt?

          Mitte August meldeten britische Zeitungen, dass die Ratsversammlung der südwestenglischen Grafschaft Devon dem Bau einer neuen Stadt in der Nähe des Hafens von Ilfracombe prinzipiell zugestimmt habe. Eine überregional bedeutende Nachricht wäre das nicht gewesen - wäre der Initiator der neuen Stadt am Meer nicht der Künstler Damien Hirst, der in der Nähe ein Anwesen besitzt und mit aufgeschnittenen Kühen und Haien in Formaldehyd bekannt wurde. Offiziell soll die Stadt Southern Extension heißen, in der Presse wird sie „Hirst-at-Sea“ oder „Hirstville“ genannt.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf den ersten Entwürfen der mit Hirst zusammenarbeitenden Architekten Rundell Associates sieht man eine erstaunlich banal aussehene Kleinstadt mit Spielplätzen und konventionellen Spitzdachhäusern; Hirst habe einen Horror vor leblosen, anonymen Gebäuden, erklärten seine Architekten bei der Vorstellung ihrer Skizzen. Als Städtebauer und Investor sucht der Künstler, dessen Werk oft über heftig unappetitliche Schocks wirken will, nach dem verlorengegangenen Kleinstadtidyll. Insgesamt sind 750 Häuser geplant, 75 Häuser sollen „affordable“ sein, die anderen werden eine gute Anlagemöglichkeit sein: Meerblick mit Kunstprominenz-Zertifikat ist im Immobilienmarkt etwas Seltenes. Hirst, erklärte die mit der Öffentlichkeitsarbeit betraute Laura McCleary gegenüber dieser Zeitung, sei einer von fünf Initiatoren des Bauvorhabens; ihm gehöre ein Teil des Grunds, auf dem die Stadt errichtet werden soll.

          Kunstwerke und Galerien im Wachstum

          Nun gab es immer schon Idealstädte, bei deren Gestaltung auch Künstler maßgeblich mitwirkten: Paolo Soleris Arcosanti ist so eine, auch den Monte Verità, die Mathildenhöhe in Darmstadt oder das Bauhaus könnte man dazuzählen. Aber Damien Hirst ist der erste Künstler, der den Bau einer Stadt zur Not komplett selbst finanzieren könnte. Er ist Künstler, Gründer und Investor in Personalunion. Früher machte er Ausstellungen, heute baut er seinem Publikum eine ganze Welt. Ist nun das neueste Projekt von Hirst ein Zeichen dafür, dass sich im Kunstsystem etwas grundlegend wandelt, dass eine Zeitenwende bevorstehen könnte? Oder ist er ein Einzelfall, die verrückte Ausnahme zur Regel, der schwarze Schwan?

          Der Kunstbetrieb hat auf solche Meldungen und Phänomene in den vergangenen Jahren häufig mit abwinkender Routine reagiert und sich allenfalls diffusen Klagen hingegeben. Zumindest die verbreitete Sorge, dass es keinen Epochenstil mehr gebe, keine Richtung, die von der Kunst eingeschlagen werde, ist dabei unbegründet: Das neue Stilmerkmal ist Größe. Es kann gar nicht groß genug sein. Künstler beschränken sich nicht auf Ausstellungen, sie bauen ganze Städte.

          Gemälde und Fotografien sind auf Formate angeschwollen, die Firmenlobbys mühelos ausfüllen. Skulpturen werden mit Sattelschleppern bewegt und mit Kränen montiert. Nun gab es immer schon schwere, große Kunstwerke: Der französische Bildhauer Rodin bewegte seine Plastiken nicht auf dem Rollwagen, die Decke der Sixtina sprengte damals alle Maßstäbe. Andererseits hätten Galeristen wie der Österreicher Thaddaeus Ropac oder der Amerikaner Larry Gagosian heute überhaupt kein Problem, sie komplett in Originalgröße in ihren Galeriehallen zu zeigen.

          Beschützer, Sprachrohr, Verbündete

          Dieses Hyperwachstum scheint große Teile der Kritik nicht besonders umzutreiben, sie beschäftigt sich nach wie vor lieber damit, wie das dort gezeigte Kunstwerk den Betrachter „irritiert“, seine Sicht „präzise hinterfragt“, mit den gängigen Vorstellungen „radikal bricht“. In der Kunstwelt soll es immer noch so feierlich zugehen wie am Weihnachtsabend, mit strengen Regeln, was gesagt werden darf und was nicht. Die Aufgabe der Kritiker besteht dabei vor allem darin, umständliche Überlegungen dazu anzustellen, wie ein Werk auf ein anderes verweist, auf ein Vorgängerwerk anspielt, es ironisiert oder weiterführt.

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