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Maler Piazzetta in Innsbruck : Venedig, Sachsenhausen, Paris, Innsbruck

Bart wie Stirn überblendet vom göttlichen Licht geht der Blick tief in die Nasenlöcher: Giambattista Piazettas „Apostel der Frankfurter Marienentschlafung, gen Himmel blickend“. Bild: Tiroler Landesmuseen

Bild-Odyssee: Eines der schönsten Frührokoko-Gemälde im Louvre wurde von Napoleon aus Frankfurt geraubt, die meisten Vorzeichnungen befinden sich in Tirol. Jetzt sind sie dort erstmals zu sehen.

          5 Min.

          Die Kunst – ein schrecklicher Allgemeinplatz – war bereits global, als das Wort noch kaum gebräuchlich war. Die Römer brachten ihre Kunst in alle Provinzen, die wandernden Völker imitierten sie, es wurde die romanische Kunst daraus, die Gotik abstrahierte sie ins Geistige, und die Renaissance gab vor, die wahre römische Kunst wiederzubeleben. Barock und Rokoko wiederum reklamieren für sich, noch antiker als die Antike zu sein. Das alles erstreckt sich quer durch Europa und die Welt wie auch durch alle Zeiten hindurch: Der Venezianer Giambattista Tiepolo etwa wird bekanntlich ab 1750 vom Würzburger Fürstbischof mit viel Geld und Frankenwein an den dortigen Hof gelockt, um das bis heute größte Deckenfresko der Welt zu schaffen, einen neoantiken Triumphus des Carl Philipp von Greiffenclau. Die Vorzeichnungen dafür befinden sich in aller Welt verteilt. Hernach malt Tiepolo im westlichen Teil Europas im Madrider Königspalast, wo er auch stirbt.

          Stefan Trinks
          (S.T.), Feuilleton

          Fast immer ist es anregend, sich besonders verworrene Wege von Kunst und Werken vor Augen zu führen. Eine dieser unerwarteten Migrationen lässt sich noch bis in den Mai hinein in der traumhaft schönen, von Ralf Bormann kuratierten Kabinettausstellung zum venezianischen Rokokomaler „Piazzetta – Têtes d’expression“ im Tiroler Landesmuseum in Innsbruck nachvollziehen. Das sogenannte Ferdinandeum beherbergt mit über sechzig Zeichnungen überraschenderweise den größten Bestand weltweit an Piazzettas „Charakterköpfen“; nicht einmal Venedigs Accademia hat derart viele, und die nächstgrößere Sammlung von Windsor, derzeit auf der Startseite mit schwarzem Trauerflor für Prinz Philip aufwartend, besitzt fünfundfünfzig Werke des berühmten Malers. Doch halt – berühmt? Ist Giovanni Battista Piazzetta heute wirklich noch ein Begriff? Eher nicht.

          Zwei Venezianer beglücken die Welt mit ihren Bildern

          Dabei darf er als Tiepolos Lehrer – wenngleich nicht in einem Werkstattverhältnis, vielmehr durch zahlreiche übernommene Anregungen – gelten. Alles Entscheidende hat sich Tiepolo von dem vierzehn Jahre Älteren abgeschaut. Alles bis auf Piazzettas Vorliebe, noch in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, mithin hundertfünfzig Jahre nach Caravaggio, dessen dramatische Hell-Dunkel-Malerei im Rokoko wiederaufleben zu lassen (im nebenstehenden Bild der sehr dunkel gegebene Apostel mit den verschränkten Armen unten links sowie sein Gegenüber auf der rechten Seite). Dieses den Theaterbühneninszenierungen der Zeit verwandte Chiaroscuro, als Stil von Kunsthistorikern „Tenebrismus“, „Dunkelmalerei“ genannt, scheint die alleinige Eigenart Piazzettas.

          Auf Piazzettas Sachsenhausener „Assumptio“ im Louvre sind viele der Innsbrucker Charakterköpfe wiederzufinden: Petrus mit überblendetem Rauschebart in der Mitte, der „Apostel mit entblößter Schulter“ links sowie der „Junge Apostel, erstaunt ins Grab blickend“ rechts.
          Auf Piazzettas Sachsenhausener „Assumptio“ im Louvre sind viele der Innsbrucker Charakterköpfe wiederzufinden: Petrus mit überblendetem Rauschebart in der Mitte, der „Apostel mit entblößter Schulter“ links sowie der „Junge Apostel, erstaunt ins Grab blickend“ rechts. : Bild: bpk _ RMN - Grand Palais _ Gérar

          Doch erlaubt man sich einmal die Ungehörigkeit, in der digitalen Bilddatei eines Piazzetta per Bildbearbeitungsprogramm die Farbskala insgesamt ins Helle zu verschieben, hat man unvermittelt einen Tiepolo vor sich. Die beiden Maler teilen demnach nicht nur dieselben Vornamen.

          Betrachtet man die vielen Innsbrucker Charakterköpfe in ihren abgedunkelten Kabinetten, lässt sich ein Kopfschütteln über diese extrem nach hinten, nach oben und zu den Seiten gebogenen Köpfe kaum vermeiden, vielfach an der Grenze des anatomisch gerade noch Möglichen. Des dauerfeuchten Venedigs Alternative zu den sich anders als im trockenen Florenz oder Rom rasch auf den Wänden ablösenden Fresken hieß, Leinwände an die – trockeneren – Decken zu bringen. Die Lagunenstadt ist die eigentliche Erfinderin der Kunst der dramatisch sich nach oben verkürzenden Deckenbilder – der Raum war meist arg begrenzt – und damit auch der baldigen Genickstarre. Die Künstler Venedigs, sich aus der Enge der Kanäle herausmalend, wurden zu Experten der gen Himmel blickenden Figuren und deren Kinnpartien, die oft von unten zu sehen sind. Vor allem aber Piazzetta und Tiepolo benötigten für beinahe alle ihre Bilder rasante Verkürzungen und meisterten diese mit jeder ihrer vielen Studienzeichnungen immer souveräner.

          So (lebens-)nah wie nun in Innsbruck ließ sich noch nie studieren, dass der dunkelste Punkt bei Piazzetta stets in nur einem der Nasenlöcher liegt, in das der Blick so weit hineinkriecht wie derzeit der Abstrichstab der Corona-Tests. Die schönsten Beispiele hierfür sind das Selbstbildnis Piazzettas am Schluss der Enfilade aus vier Kabinetträumen sowie das „Bildnis eines gen Himmel blickenden bärtigen Mannes“ in schwarzer Kreide. Weit in den Rücken genommen ist der Kopf, die Augen als nächstdunklere Punkte sind weiß gehöht und wirken dadurch glasig, als sähen sie oben am Himmel ein numinoses Licht. Etwas muss allerdings auch von unten leuchten, denn der weiße Vollbart des Alten wird von unterhalb des Kinns bestrahlt, so dass er eine einzige überblendete Zone auf dem Papier ist.

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