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Giacomettis Atelier : Eier, Schinken und die Kunst

  • -Aktualisiert am

Das im neuen Institut Giacometti nachgebildete Atelier gleicht dem, was historische Fotos zeigen. Bild: EPA

Im Winter froren die Leitungen oft zu, aber Giacometti schuf in seinem spartanischen Pariser Studio fast all seine Jahrhundertwerke. Im Stadtviertel Montparnasse kann man es sich jetzt von nahem ansehen.

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          Es ist ein mythisches Atelier, das im Pariser Montparnasse-Viertel aus der Asche auferstanden ist. Oder eher: in Aschfarben aufscheint, wie ein Phantom im Schneesturm, bildet Alberto Giacomettis Arbeitskammer doch eine gespenstische Erscheinung in grieselnden Grautönen. Alles darin scheint verstaubt, verschneit, verschüttet – eine postapokalyptische Trümmerlandschaft en miniature, bevölkert von stummen Stelen und schwerelosen Schemen.

          Es sind lediglich 23 Quadratmeter, die das Herz des gestern eröffneten Institut Giacometti bilden. Aber diese 23 Quadratmeter gelten weithin als das bedeutendste Atelier von Montparnasse, vielleicht gar von ganz Paris. Das liegt zuvörderst an dem Umstand, dass bis auf das künstlerisch weniger bedeutende Frühwerk fast das gesamte Œuvre des graubündnerischen Bildhauers, Malers und Zeichners zwischen diesen vier Wänden entstanden ist.

          Gekocht wurde gar nicht

          1922 siedelte Giacometti aus der Schweiz nach Paris über, vom 1. Dezember 1926 bis kurz vor seinem Tod am 11. Januar 1966 arbeitete er in besagtem Atelier an der Rue Hippolyte-Maindron 46 unweit des Montparnasse-Friedhofs. Und nicht nur das: Er lebte auch dort, in beengten Verhältnissen, deren Mangel an Komfort das Epitheton „spartanisch“ wohl noch beschönigen würde. Geheizt wurde mit Holzkohle, gekocht gar nicht (der frugale Künstler bestellte tagein, tagaus hartgekochte Eier, Schinken und Brot in einem Café), ein Wasserhahn und eine mit anderen Parteien geteilte Toilette befanden sich im Hof. Im Winter froren die Leitungen oft zu, das Dach war ohnehin undicht. Auch als er in seinen letzten Lebensjahrzehnten Bündel von Geldscheinen in einer Schachtel unterm Bett anhäufen konnte, mietete Giacometti bloß drei anliegende Atelierräume hinzu. An einen Umzug dachte er nie.

          Catherine Grenier, die Direktorin des Giacometti-Instituts, arbeitet seit vier Jahren daran, die Schätze des Künstlers öffentlich zu machen.
          Catherine Grenier, die Direktorin des Giacometti-Instituts, arbeitet seit vier Jahren daran, die Schätze des Künstlers öffentlich zu machen. : Bild: Reuters

          Berühmt wurde das Atelier indes auch dadurch, dass sich Fotografen von Weltrang darin die Klinke in die Hand gaben: Brassaï, Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau, Gordon Parks, Irving Penn und viele andere. Ernst Scheidegger, seit 1948 in Paris ansässig, kam während zwei Jahren fast täglich vorbei und machte im Lauf der Zeit über dreitausend Aufnahmen. Sabine Weiss gewann 1954 anlässlich einer Fotoreportage für das Magazin „L’Œil“ das Vertrauen des Künstlers und wurde ebenfalls zu einer regelmäßigen Besucherin. Die Bilder all dieser Fotografen trugen zur Mythenbildung um Giacomettis Atelier bei – umso mehr, als „gewöhnliche“ Außenstehende die Schwelle kaum je passieren durften.

          Das im neuen Institut Giacometti nachgebildete Atelier gleicht frappierend dem, was historische Fotos zeigen. Zwei Seiten des rechteckigen Räumchens sind aus Glas, damit die Besucher möglichst viel sehen können, die zwei anderen sind mit Holzplatten aus dem ehemaligem Atelier ausgekleidet. Auf diesen finden sich schwarze Graffiti, manche skizzenhaft, andere zu Köpfen, Büsten oder ganzen Figuren ausgearbeitet. Das abgewetzte Mobiliar – Tisch, Bett, Schemel, Strohsessel, Staffelei, Dreifuß, Wandschrank und zwei Regalmöbel – ist über und über mit Werkzeugen und Skulpturen übersät. Darunter Arbeiten aus den späten zwanziger Jahren, die wie „Le Couple“ von der Höhlenmalerei und von afrikanischer Kunst inspiriert sind, Werke aus der darauf folgenden surrealistischen Phase – beispielsweise ein rätselhaftes, reinweißes Vieleck –, vor allem aber Ton-, Gips- und Bronzefiguren aus der Spätzeit, die zum Teil noch nie gezeigt worden sind: Stehende, Schreitende und Kniende – und sogar ein ausgemergelter Hund.

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