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Getty Villa in Kalifornien : Von Göttern, Ausgräbern und Millionären

Für Epikureer ist das Ferkel eine Glücksfigur mit tieferer Bedeutung: heute Ferkel, morgen Schweinefleisch – Carpe diem! Bild: Giorgio Albano/Museo Archeologico Nazionale

Herculaneum liegt jetzt am Pazifik: Die Getty Villa in Kalifornien stellt die Geschichte der Villa dei Papiri in Herculaneum aus. Zu sehen sind Stücke, die erst in dieser konzentrierten Präsentation ihren Rang erkennen lassen.

          War das der Hausherr? Dieser feinfrisierte Mann mit den markanten Gesichtszügen, der uns gleich hinter der Tür zur Ausstellung über die Villa dei Papiri begegnet? Seine Bronzebüste ist zweitausend Jahre alt, und dass sie den römischen Konsul Lucius Calpurnius Piso Caesoninus Pontifex darstellt, weiß man dank der Ähnlichkeit dieses Porträtbildnisses mit einer im norditalienischen Vellaia erhaltenen lebensgroßen Marmorstatue, die mit seinem Namen bezeichnet ist. Doch ob Piso Pontifex tatsächlich in der Villa gelebt hat, weiß man nicht. Dass man von ihm in der Ausstellung als Hausherr spricht, ist das Resultat eines Indizienbeweises.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Seine Familie war reich genug, um sich einen solch luxuriösen Bau wie den der direkt am Meer bei Herculaneum gelegenen riesigen Villa dei Papiri leisten zu können. Und die darin aufgefundenen Schriften stammen aus der Bibliothek eines Philosophen, den der Vater Pisos nachweislich gefördert und beherbergt hat. Zudem wurde die besagte Bronzebüste im achtzehnten Jahrhundert in Herculaneum gefunden, allerdings weiß man nicht mehr, ob im Umfeld der Villa oder anderswo. Jeder dortige Fund war seinerzeit ein Glücksfall. Denn die Stadt ist zwar erhalten, aber schwer zugänglich, denn sie ist, wie der Titel der Ausstellung verkündet, „buried by Vesuvius“.

          Doch was heißt hier „begraben vom Vesuv“? Die Villa steht doch da! In voller Schönheit (oder auch Hässlichkeit für diejenigen Antike-Liebhaber, die ihre Schwierigkeiten mit der kunterbunten Gebäudegestaltung haben), mit reich angelegten Gärten ringsum und im Inneren voller Kostbarkeiten. Wir können sie betreten, und mit uns tun das täglich Tausende weiterer Besucher, die eine Reise in die Römerzeit machen wollen, aber nicht nach Italien. Denn dieser Palast steht an der kalifornischen Küste, schon seit 1974 – im dynamischen Großraum von Los Angeles ist das eine kleine Ewigkeit.

          Gefundene Schriftrollen verschaffen dem Anwesen seinen Namen

          Sein Auftraggeber, J.Paul Getty, hat das Gebäude nie gesehen. Er blieb bei der Eröffnung dieses für seine Kunstsammlung errichteten Museums lieber in seiner Wahlheimat England und starb zwei Jahre später, ohne je wieder nach Pacific Palisades gereist zu sein. Aber er wusste ja genau, wie es dort aussah. Denn er hatte das Anwesen so akribisch wie möglich einem Vorbild nachbauen lassen: der im Jahr 79 nach Christus beim Ausbruch des Vesuvs tatsächlich begrabenen Villa dei Papiri in Herculaneum.

          Auch die hatte Getty nie gesehen, obwohl er als Archäologie-Freund die Ausgrabungen in Herculaneum mehrfach besucht hatte. Aber die Villa dei Papiri lag da immer noch 27 Meter unter der heutigen Erdoberfläche, und seit 1764 war niemand mehr dort hinabgestiegen. Was man bis vor wenigen Jahren über dieses reichst ausgestattete römische Privathaus, das bislang gefunden wurde, wissen konnte, verdankte sich einem Gebäudeplan, den der Schweizer Militäringenieur Karl Jacob Weber während seiner mehrjährigen Grabungskampagne im achtzehnten Jahrhundert gezeichnet hatte.

          Im Auftrag des im Königreich beider Sizilien herrschenden Bourbonen Karl VII. hatte Weber seit 1751 von Zwangsarbeitern zahlreiche Schächte und Gänge in die zufällig bei Brunnengrabungen entdeckte verschüttete Villa treiben lassen und in den dreizehn Jahren bis zu seinem Tod einen immensen Schatz an Statuen, Mosaiken, Fresken und aufwendigem Hausrat ans Tageslicht bringen können. Zur Sensation aber wurde seine Aktion vor allem durch die 1100 geborgenen Schriftrollen der einzigen erhaltenen antiken Bibliothek. Sie verschaffte dem Anwesen dessen weltberühmten Kunstnamen: Villa dei Papiri.

          Im Nachbau mangelt es an Platz

          Ihr Mythos lebt seit mehr als einem Vierteljahrtausend, und der kalifornische Nachbau ist nur ein Aspekt davon. Über die immer noch nicht abgeschlossene Entzifferung der in der Hitze des Vulkanausbruchs verkohlten Papyrusrollen sind etliche antike Texte erstmals erschlossen worden, und die Ausstattung der Villa hat zahlreiche Aufschlüsse über das Leben der Oberschicht im Römischen Reich der späten Republik und frühen Kaiserzeit gegeben. In den vergangenen dreißig Jahren hat es dann auch endlich neue Grabungskampagnen in der Villa dei Papiri gegeben, die bislang letzte allerdings auch schon wieder 2007.

          Bevor sie unter der glühenden Lawine begraben wurde, war diese Göttinnenstatue bemalt und trug Ohrringe.

          Damals wurde ein kleiner, aber umso spektakulärer Fund gemacht: Bruchstücke von Elfenbeinreliefs, mit denen früher die Beine von Tischen und Dreifüßen verziert waren. So etwas hatte man noch nie gesehen, und der Großteil dieser höchst fragilen Fragmente wird nun in der Getty Villa erstmals öffentlich ausgestellt, zusammen mit zwei Marmorskulpturen und zwei Wandbildern, die ebenfalls aus den jüngeren Ausgrabungen stammen. Im ausgiebigen Begleitkatalog werden zudem endlich deren sonstige Ergebnisse zusammengetragen.

          So weiß man nun, dass es unter der von Weber ergrabenen Ebene der Villa noch zwei Tiefgeschosse und daneben einen großen Uferpavillon gab. Man muss es wohl Pech für Mr Getty und die nach seinem Tod gegründete Stiftung nennen, dass diese Erkenntnisse erst nach dem Bau der kalifornischen Villa gewonnen wurden, sonst wäre das nachgebaute Haus nicht so schnell zu klein für die überreichen Bestände der Sammlung geworden. Seit 2006 sind nur noch die Antiken hier zu sehen, und selbst dafür wird es im Gebäude allmählich eng.

          Kontextualisierung von Funden interessierte damals noch nicht

          Die Sonderausstellung umfasst vier Säle, aber nur etwas mehr als fünfzig Objekte. Wobei darunter einige der berühmtesten antiken Kunstwerke überhaupt sind, so etwa die Marmor-Athene aus der Villa dei Papiri, die beiden bronzenen Läufer in Startposition und vor allem der lebensgroße „Betrunkene Satyr“, dessen anatomische Genauigkeit bei der Darstellung des Muskel- und Rippenverlaufs atemraubend ist. Zu seinen größten Bewunderern zählte Winckelmann, der sich bei den Beschreibungen der herculanischen Altertümer allerdings häufig irrte, wenn er einzelne Statuen für griechische Originale erklärte.

          Heute gelten alle Bildwerke als römische Arbeiten, die eigens für die Ausstattung der Villa geschaffen wurden; deren Eigentümer schätzten also wie die meisten heutigen reichen Kunstsammler das Zeitgenössische. Wenn sie denn doch einmal eine Antiquität kauften, dann sind sie wohl einer damaligen Fälschung aufgesessen wie bei einem auf archaisch gemachten Kopf des Apoll, dessen authentisch alt wirkende Bruchkanten sorgsam gegossen worden sind.

          Dank Webers Plan, dessen Original auch in der Ausstellung zu sehen ist, und seinen Aufzeichnungen weiß man genau, wo die einzelnen Stücke in der Villa geborgen wurden. Mit dieser Dokumentation war der Schweizer Ingenieur den sonstigen Archäologen seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus; Kontextualisierung von Funden interessierte damals noch nicht. Deshalb ist auch klar, dass die Büste von Piso Pontifex nicht aus der Villa selbst stammen kann; es sei denn, sie wäre dort schon vor 1750 entdeckt worden, denn Weber berichtet auch über ältere Stollen, auf die er bei seinen Ausgrabungen stieß. Eine Geschichte dieser mutmaßlichen früheren Plünderungen der Villa dei Papiri ist noch niemand angegangen.

          Bibliothek mit Schwerpunkt auf epikureischen Texte

          Dabei bestünde über das dank Webers Genauigkeit rekonstruierbare Bildungsprogramm, das der Ausstattung der Villa ursprünglich zugrunde lag, die Möglichkeit, andere antike Objekte mit mutmaßlich herculaneischer Provenienz auf etwaige Zugehörigkeit zum Inventar zu überprüfen. Die Plazierung der Büsten von Göttern, Herrschern oder Philosophen etwa folgte offenbar einem dramaturgischen Prinzip der Paarbildung, das über charakterliche Vergleiche der Abgebildeten ein gebildetes Gespräch in den Höfen und Gärten der Vila ermöglichen sollte.

          Überdies lassen sich zwischen einigen Porträtierten und den aufgefundenen Schriftrollen Beziehungen finden: Die Bibliothek hatte ihren Schwerpunkt auf epikureischen Texten. In der Getty Villa sind übrigens nur drei noch ungeöffnete Schriftrollen zu sehen, aber auf einem Bildschirm werden neue Methoden erläutert, die über Computertomographie und Entzifferung des Textes mittels maschinellen Lernens einen nichtinvasiven Zugriff auf die Inhalte gestatten sollen – der Traum des achtzehnten Jahrhunderts von der Erschließung aller Bücher würde endlich wahr.

          Wie mühsam man damals daran arbeitete, zeigt eine eigens für die Schriftrollen der Villa dei Papiri ersonnene Entrollungsmaschine, die noch mehr als hundert Jahre nach der Bergung der Papyri in Gebrauch war. Winckelmann beschrieb ihre Funktion und errechnete für die Freilegung einer handtellerbreiten Textpassage die Arbeitszeit von einem Monat.

          Die Ausstellung in der Getty-Villa könnte leicht ähnliche Verweildauern nahelegen. Nicht nur, weil das Haus selbst natürlich auch als Anschauungsobjekt dient, sondern weil hier – im Gegensatz zur üblichen Präsentation der entliehenen Objekte im Archäologiemuseum von Neapel – alles frei im Raum steht und also störungsfrei zu bewundern ist (mit Ausnahme der subtilen Elfenbeinfragmente, deren Aufbewahrung ein besonderes Mikroklima erfordert). Und es sind Stücke zu sehen, die erst in dieser konzentrierten Präsentation ihren Rang erkennen lassen.

          So etwa ein nun als Büste des Priapus identifiziertes Bronzebildnis, dessen gebeugtes veristisch ausgeformtes Haupt wohl als bewusster Gegensatz zur sonst in der Antike gängigen kruden hölzernen Ausformung dieser ungebärdigen Gottheit geschaffen wurde. Verfeinerung – das ist das Grundprinzip der ganzen Ausstattung der Villa dei Papiri mit Büchern und Kunst gewesen. Irgendwo ein Klingelschild mit dem Namen ihres Eigentümers anzubringen, wäre wohl als vulgär empfunden worden.

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