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Gespräch mit Günther Uecker : „Sie sprachen vom 8. Mai – was ist denn das?“

Er ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart. Als der Zweite Weltkrieg endete, war er fünfzehn Jahre alt. Hier erzählt Günther Uecker, was die Erfahrungen aus ihm gemacht haben.

          Herr Uecker, Sie sind am 13. März 1930 geboren und lebten bis 1949 auf der Ostsee-Halbinsel Wustrow. Von dort wurde Ihre Familie evakuiert. Wie kam das?

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Jürgen Kaube

          Die 10. Armee der Russen hatte sich dort stationiert, um mit Radar den Ostseeraum zu beobachten. Es gab eine Raketenbasis, der Flughafen war schon vorher da, weil das auch vorher ein Militärgebiet war. Auf der Insel konnten sich viele Russen isoliert verhalten, sie war auch für DDR-Bürger nicht zugänglich.

          Sind Sie noch einmal nach Wustrow zurückgekehrt?

          Wir hatten dort oben Land, ich habe Schafe gehütet und Rinder. Das Land wurde 1949 enteignet und nicht zurückgegeben. Ich habe dann aber doch die Erlaubnis bekommen zurückzukehren, der Bundespräsident Rau sagte: Also der Uecker soll wieder hierher, als Ureinwohner. So habe ich da eine Holzhütte. Das Land ist sehr skandinavisch, weil die Vögel im Kot die Samen der Gräser mit sich bringen, und voller Tiere. Kein elektrisches Licht sieht man und kein Auto.

          Sie haben Ihre ganze bewusste Kindheit und Jugend auf Wustrow verbracht?

          Ja, und mit der Arbeit bei meinem Vater in der Landwirtschaft. Er hatte dort Pachtland. Und er arbeitete auf dem Flughafen, wo aus Dessau und von Heinkel und von überallher die Probeflüge gemacht wurden mit den Testpiloten.

          Wie haben Sie diese wichtigen Jahre erlebt? Kamen Sie sich als Außenposten einer Welt, die eigentlich woanders ist, vor?

          Ja. Und sehr privilegiert. Also, wenn ich Husten hatte, sagte mein Vater zu einem Piloten: Nimm ihn doch mal mit. Dann fuhr ich mit der W34 auf 2000 Meter, dann war der Husten weg! Und ich konnte auch mal so als kleiner Kopilot mitsteuern, bis zur Halle. Das war die am weitesten entwickelte Militärtechnologie dieses „Dritten Reiches“. Das alles konnte ich sehen, der Krieg war für mich die aufregendste Zeit (lacht). Und dann ging ich fischen, wir hatten zwei Boote. Wir haben die Aale gestochen, und wir haben Grundangeln gelegt, ich bin aufgewachsen wie ein Indianer, wie ein Wilder.

          Haben Sie den Nationalsozialismus bemerkt oder nur das Militär?

          Wahrscheinlich war das gar nicht so viel Militär. Das waren Ingenieure und Entwickler, die mussten die neuen Maschinen von Heinkel und Junkers ausprobieren. Also da war von Partei und Herrschaft kaum etwas zu spüren.

          Das heißt, den Krieg haben Sie im Grunde nicht erfahren?

          Doch, es gab viele Luftangriffe. In einer Nacht waren wir manchmal viermal im Keller, es gab dort Betten, man rannte nur mit dem Kissen runter.

          War das dann für Sie ein Gefühl dauernder Bedrohung? Weil Sie ja auch von dieser Freiheit sprechen?

          Nein, ich wollte nur immer raus! Wenn dann was passierte, habe ich die Gefahr nicht mehr gesehen. Ja, man war dann fast euphorisch. Das ist...so, wie wenn etwas explodiert, das gibt ja eine gewisse Euphorie, wie bei einem Feuerwerk. Wenn man da hineinwächst, dann ist das existentiell erlebt – im Mitgefühl zu anderen. Ich meine, es gibt keine Unwachheit. Denn man musste immer drauf achten, was passiert, war in einer gewissen Erregung.

          Das heißt, das Nachdenken darüber, was da überhaupt geschehen ist, setzte später ein?

          Das wurde mir natürlich erst später klar. Wir hatten dann zwei Jahre keine Schule, weil alle Lehrer entlassen wurden, die waren ja alle Nazis. Da bin ich erst mit siebzehn wieder in die Schule gegangen. Dann kam ich auf den zweiten Bildungsweg, da gab es so ein Programm zur Förderung der Bauern-und-Arbeiter- Klasse, eben solche Kaderschmieden.

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