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Gespräch mit Frances Morris : Wir schreiben die Kunstgeschichte neu

Obwohl sich bislang historisch weniger Frauen behaupten konnten.

Es ist bedauernswert, dass die Generation meiner Großmutter und meiner Mutter nicht dieselben Möglichkeiten hatte wie die meines Großvaters und meines Vaters. Das Einzige, was man angesichts dieser Situation tun kann, ist, interessante Frauen, die sich doch hervorgetan haben, vom Rand in den Mittelpunkt zu rücken. Es ist wunderbar, dass wir jetzt aus einer anderen Perspektive auf die Geschichte blicken können. Viele der Frauen, an denen ich interessiert bin, haben in ihrem Werk wahrscheinlich absichtlich die von Männern dominierten institutionellen Atelierpraktiken ihrer Zeit gemieden. Es ist typisch, dass Personen in untergeordneten Rollen oft aus vielerlei Gründen meinen, nicht auf der Hauptbühne konkurrieren zu können. Phyllida Barlow liefert dafür ein interessantes Beispiel. Als sie in den sechziger Jahren die Kunsthochschule besuchte, durften Frauen keine Metallarbeit anfertigen. Damals machten sich aber Künstler wie Anthony Caro gerade ihren Namen, eine ganze Generation arbeitete mit Stahl. Warum waren keine Frauen dabei? Weil sie nicht mit Stahl arbeiten durften. Wenn man einer Hierarchie zustimmt, die Malerei ganz oben ansetzt und Weberei ganz unten, werden Künstlerinnen, die weben, immer unterversorgt sein, und die männlichen Künstler, die den Rest machen, überversorgt. Ich möchte die Randphänomene ins Zentrum bringen und darüber nachdenken, weshalb wir diese Hierarchien haben und ob wir sie noch beachten sollten. Zeitgenössische Künstler fühlen sich ohnehin nicht mehr an sie gebunden. Ich finde, wir brauchen es auch nicht zu sein.

Es gibt aber doch unabhängig von der Gattung eine Qualitätshierarchie.

Wirklich? Wer bestimmt sie? Männer.

Glauben Sie das tatsächlich?

Wer hat, historisch betrachtet, die Geschichte der Kunst geschrieben? Männer. Weiße Männer, meist Amerikaner, haben die Geschichte von weißen männlichen Malern geschrieben. Ich weiß, es klingt wie ein Witz, aber bekleidete weiße Männer haben unbekleidete weiße Frauen gemalt. Wir leben in einer hierarchischen, durch Geschlecht und Vorurteil geprägten Gesellschaft. Warum denken wir immer, dass weiße Kunst besser ist als schwarze? Weil weiße Historiker über schwarze Kunst schreiben. Vorurteile sind allgegenwärtig. Man kann helfen, sie abzubauen, indem man die Praxis der Gegenwartskunst beleuchtet. Viele Männer und Frauen arbeiten jetzt auf Gebieten, die vor hundert Jahren als marginal galten. Jetzt finden wir es plötzlich interessant, uns mit der Geschichte dieser Marginalien zu beschäftigen. Ich spreche ungern im abstrakten Sinn von gut und schlecht, sondern lieber von interessant und kraftvoll.

Der neue Anbau der Tate Modern ist auf das Gegenwartsgeschehen ausgerichtet. Besteht die Gefahr, dass er in nicht allzu ferner Zukunft veraltet wirken könnte?

Alle Museen spiegeln ihre Entstehungszeit. Das ist keine Gefahr, sondern Tatsache. Das Gute ist, dass zeitgenössische Kunst oft vorteilhaft zur Geltung kommt in veralteten Gebäuden. Künstler lieben die Herausforderung, und Kuratoren arbeiten gern gegen den Strich. Wir bekommen jetzt mit dem Switch House eine deutlich erweiterte Auswahl an Flächen, flexiblere Galerien und größeren Spielraum. Wer weiß, vielleicht ist die nächste Herausforderung der virtuelle Raum? Dann brauchen wir gar keine Galerie mehr. Das ist die große Frage: Wie geht es nach der Post-Galerie weiter?

Frances Morris

Die Kunsthistorikerin kam 1987 zur Tate Gallery. Vor sechzehn Jahren, als in einem alten Kraftwerk an der Themse die Tate Modern eröffnete, gehörte sie zu dem Kuratorenteam, das mit der chronologischen Hängung der Kunstwerke brach und sich dafür auch viel Kritik einhandelte. Vor wenigen Wochen hat sie die Leitung des weltweit meistbesuchten Museums für moderne Kunst übernommen. Die 57 Jahre alte Morris hat wichtige Retrospektiven zum Werk von Louise Bourgeois, Yayoi Kusama und Agnes Martin ausgerichtet. Mit Blick auf die zukünftige Arbeit der Tate Modern hat sie angekündigt, mehr Werke von Künstlerinnen zeigen zu wollen und den Kanon um außereuropäische Kunst zu erweitern. Mit einem zehnstöckigen Anbau des Architekturbüros Herzog & de Meuron bekommt Tate Modern nun eine neue Spielwiese. Das nach dem Umspannwerk benannte „Switch House“ wird am 17. Juni eröffnet. (F.A.Z.)

 

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