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Gespräch mit Frances Morris : Wir schreiben die Kunstgeschichte neu

Museumsankäufe von zeitgenössischer Kunst sind eine heikle Sache...

...es ist ein Glücksspiel.

Der alten Tate Gallery wurde vorgeworfen, Werke der Moderne zu spät gekauft zu haben. Es gibt aber auch die Kehrseite: dass man zu früh einsteigt und Dinge kauft, die vor der Zeit dann nicht bestehen. Wie sollte man verfahren?

Wir neigen dazu, aufsteigende britische Künstler in einem früheren Stadium zu kaufen als ausländische, weil wir als britisches Museum den Aufbau einer breit angelegten Übersichtssammlung anstreben. Der Rest der Welt stellt eine größere Herausforderung dar, weil es sehr schwierig ist, absolut sicher zu sein. In der Regel kaufen wir Künstler in der Phase zwischen „aufsteigend“ und „etabliert“. Das heißt, dass viele von ihnen schon fünfzehn oder zwanzig Jahre Praxis aufzuweisen haben. Wir wissen also, dass sie Stehvermögen haben. Man kann nur hoffen, dass sie dann noch in einer Preisklasse sind, die wir uns leisten können, und dass sie noch Karrieren vor sich haben. Bislang lag unser Schwerpunkt eher auf der jüngeren Vergangenheit als auf der Gegenwart. Wir müssen in Zukunft etwas tatkräftiger sein bei der Einführung von Künstlern, die die großen Meister und Meisterinnen der Zukunft sein werden.

Wie hält das Museum Abstand zu den verflochtenen Interessen eines aufgebauschten Marktes?

Der Druck ist enorm. Er geht nicht nur vom Markt aus, sondern von einzelnen Stiftern, von Künstlern und anderen Institutionen. Wir versuchen, so kühl und überlegt zu sein wie möglich. Ich finde, es gelingt uns ziemlich gut, nicht bloß den Markt zu spiegeln. Der Markt liegt ja auch nicht immer falsch.

Britische Umweltschützer versuchen durch Proteste zu bewirken, dass hiesige Museen keine Fördergelder von dem Ölkonzern BP mehr entgegennehmen. Wie wägen Sie moralische und ethische Überlegungen gegen die Abhängigkeit von Sponsorengelder ab?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist wichtig, hervorzuheben, dass wir der Öffentlichkeit dienen. Unsere staatlichen Mittel decken aber nur dreißig bis vierzig Prozent des Budgets ab. Tate ist eine sehr starke Marke. Dadurch können wir in den Verhandlungen stark auftreten. Außerdem sind wir zu einer ethischen und verantwortungsbewussten Unternehmensführung verpflichtet. Die Spannung zwischen öffentlichem und privatem Engagement betrifft die ganze Kunstwelt. Wir könnten ohne die Unterstützung von Unternehmen nicht überleben. Sie ermöglichen Dinge, die wir allein nie vollbringen könnten. Trotzdem müssen wir immer auf der Hut sein.

Sie haben in den letzten Jahren mehrere Retrospektiven von Künstlerinnen kuratiert und wollen Frauen stärker in den Vordergrund rücken. Eine Studie hat unlängst ergeben, dass weniger als dreißig Prozent der Einzelausstellungen Künstlerinnen gewidmet sind. Leidet die Qualität, wenn man versucht, diese Ungleichbehandlung statistisch zu lösen?

Es wäre extrem naiv, die Geschlechterkluft mit nicht wirklich substantiellen Arbeiten zu füllen. Das wäre ein sinnloses Bemühen. Ich bin zuversichtlich, dass mit jeweils starken Arbeiten Parität bei der Programmierung erreicht werden kann.

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