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Gespräch mit Frances Morris : Wir schreiben die Kunstgeschichte neu

Sie fördern eine interaktive Erfahrung. Steht das der didaktischen Rolle des Museums im Wege?

Der Lehrbetrieb hat sich enorm verändert. Wir haben uns ebenfalls vom Modell einer Institution entfernt, die autoritär vermittelt. Und von einem Publikum, das passiv empfängt. Dennoch glaube ich, dass wir eine tief begründete Autorität besitzen. Die Sammlung beruht auf Primärforschung. Aber wir tragen unsere Autorität nicht dick auf, weil wir ein breites Publikum erreichen wollen. Wenn man viel Wissen an den Wänden anbringt und die Dinge so arrangiert, dass man sie nur versteht, wenn man schon viel weiß, schließt man eine große Anzahl von Menschen aus. Am wichtigsten ist, die Menschen nicht denken zu lassen, dass Unwissenheit ein Hindernis sei.

Die Schilder in der Tate erzählen dem Publikum aber durchaus viel und scheinen auch nahezulegen, wie etwas interpretiert werden soll.

Wir wollen das Publikum ermutigen, persönliche Risiken einzugehen und Fragen zu stellen. Die zeitgenössische Kunst stellt eine Herausforderung dar. Ich möchte unbedingt sicherstellen, dass die Sprache, die wir verwenden, weniger schwierig ist als zuvor. Das heißt keineswegs Verdummung, aber man darf dem Besucher kein Bein stellen. Wir haben sämtliche Beschriftungen von der obersten Etage bis hinab zum Keller neu formuliert. Wir haben uns auf einen neuen Ton geeinigt oder auf andere Töne für verschiedene Arten von Botschaften.

Mitunter hat man den Eindruck, dass Ideen suggeriert werden, bevor die Besucher überhaupt die Gelegenheit haben, ein Kunstwerk ästhetisch wahrzunehmen.

Wir haben ganz bewusst alle Sätze von den Beschriftungen entfernt, die sagen, wie man zu fühlen hat, weil man fast immer anders empfindet und sich dann unzulänglich fühlt. Es gibt aber auch Beispiele, wo es wichtig ist, mit einem Satz zu erklären, weshalb etwa zwei Kunstwerke zusammengeführt worden sind. Wir haben gerade eine Skulptur von Antony Gormley, die „Für Francis“ heißt, neben einem Gemälde von Agnes Martin installiert. Bei zwei derart verschiedenen Objekten muss man die Paarung erklären.

Erklären Sie dabei auch, wer der heilige Franziskus ist?

Das ist wichtig, weil viele unserer Besucher keinen christlichen Hintergrund haben. Das gilt aber genauso im Falle eines muslimischen Kunstwerks. Wir versuchen die Dinge nicht immer nur aus unserer Perspektive zu sehen, weil die nicht unbedingt auch die des Betrachters ist. Als ich einige unserer Texte durchgesehen habe, ist mir aufgefallen, dass die ganzen Bezüge zur Literatur, zur Geschichte oder zu den Naturwissenschaften aus westeuropäischer Sicht verfasst waren. Wenn wir Kunst aus anderen Erdteilen zeigen, ist es natürlich wichtig, den geistigen und historischen Zusammenhang darzustellen. Das ist eine faszinierende Reise. Wir stehen noch am Anfang. Und wir werden sicherlich auch Fehler machen.

Tate Modern ist auch ein Museum der klassischen Moderne. Das Zeitgenössische scheint jedoch im Vordergrund zu stehen. Wird die klassischen Moderne vernachlässigt? Und können Lücken in der Sammlung bei der Preisinflation noch geschlossen werden?

Die Idee einer Lücke ist interessant. Sie setzt voraus, dass es irgendwo auf der Welt etwas Vollständiges gibt, dem zu entsprechen man anstreben sollte. In den achtziger Jahren hätten meine Vorgänger gesagt, dass sie Lücken füllten, um Vollständigkeit zu erreichen. Daran glaube ich überhaupt nicht. Es gibt viele Lücken, aber ich bin nicht der Meinung, dass es so etwas gibt wie Vollständigkeit. Es ist ein sich ständig entwickelndes Szenario. Sobald man sich, wie wir es seit einigen Jahren tun, der lateinamerikanischen und nahöstlichen Kunst annimmt, entstehen wieder neue Lücken. Sie treten auf und verschwinden wieder, je nach den Prioritäten der jeweiligen Zeit.

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