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Ai Weiwei darf wieder reisen : Ich bin Chinese und will hierbleiben

  • -Aktualisiert am

Ai Weiwei darf wieder reisen und ausstellen. Was bedeutet das für ihn, was für seine chinesische Heimat? Ein Gespräch mit dem Künstler und ein Besuch in Pekinger Galerien, die seine neuen Arbeiten zeigen.

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          „Ich bin Chinese, mein Vater war Chinese, mein Sohn ist Chinese.“ So stellte sich Ai Weiwei kürzlich vor. Am vergangenen Mittwoch bekam er nach vier Jahren seinen Reisepass vom chinesischen Staat zurück. Er wirkt darüber sehr erleichtert. Die jahrelange Unsicherheit scheint nun erst einmal vorbei zu sein. „Sie sind im letzten Jahr viel kommunikativer geworden“, erzählt er dieser Zeitung über die Beamten, mit denen er seit Jahren zu tun hat. „Offensichtlich beurteilen sie meine Rolle inzwischen viel positiver.“ Sie seien aber immer noch nervös.

          In Ais Beschreibungen tauchen die Beamten immer wieder als ständige Begleiter auf und bleiben dennoch merkwürdig gesichtslos. Es sind wohl nicht immer dieselben Männer, die Ai umgeben, sondern in ihrer Zusammensetzung spiegelt sich die Verschiebung der politischen Gesamtwetterlage. „Sie“ stehen bei Ai als Synonym für das System, das derzeit interne Kämpfe ausfechte. An der Antikorruptionskampagne könne man das sehr gut sehen. Das Hauptproblem Chinas, sagt Ai, sei der interne Kulturkampf um die Macht. Man wisse nie so genau, was „sie“ als Nächstes tun würden und wohin sich die Situation in China entwickele.

          Die Nerven zum Zerreißen gespannt

          Dass sich für Ai etwas ändern würde, wurde schon im Juni klar: Innerhalb von zwei Wochen eröffnete der Künstler vier Ausstellungen in fünf Galerien Pekings. Drei davon laufen jetzt noch. Dass er das tun durfte, war eine Geste von Seiten der Behörden und Zeichen ihres Einverständnisses mit „denen“, sagt der Künstler. Mit anderen Worten: Ai Weiwei hat die Ausstellungen auch als Test verstanden, inwieweit er sich auf Zusagen der Behörden würde verlassen können. Umgekehrt werden das die Behörden genauso gesehen haben.

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          Vor zwei Monaten noch waren Ai Weiweis Nerven zum Zerreißen gespannt. Alle Details der kommenden Ausstellungen mussten mit „denen“ diskutiert werden. Die Eröffnungstermine wurden vom 30. Mai auf den 6. Juni verschoben, weil man es lieber sehe, dass er erst nach dem 4. Juni, dem Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen, wieder auftrete. Viele in China sehen in der Tatsache, dass der Künstler vier Ausstellungen im sechsten Monat eröffnet habe, dennoch einen versteckten Hinweis auf das Massaker vom 4. Juni 1989. Im Vorfeld aber bemühte sich der Künstler um Verständnis: „Sie“ hätten ihm gesagt, dass er sehr einflussreich sei und deswegen aufpassen solle. Er verstehe das ja auch, sagt er, „deren“ oberste Priorität sei Sicherheit. Und er verstehe das nicht nur, sondern respektiere es auch – um das zu unterstreichen, sagt Ai es dreimal.

          Ein Raum im Raum

          Die schönste der Ausstellungen ist noch bis September in den Galerien Tang Contemporary und Galleria Continua im Kunstbezirk 798 zu sehen. Sie ist ein Meisterstück. Das monumentale Holzskelett einer antiken Ahnenhalle der Wang-Familie aus der Jiangxi-Provinz durchstößt im stumpfen Winkel die gemeinsame Wand zwischen den bauhausinspirierten Industrieräumen, um seine Fortsetzung auf der anderen Seite zu finden. Die Trennwand wirkt wie eine Art geometrische Spiegelebene zwischen den Räumen. Überwachungskameras spielen in Echtzeit Bilder aus der jeweils anderen Halle auf beiläufig plazierte Flachbildschirme und sorgen so für eine Feedback-Schleife – um nicht zu sagen „Reflexion“.

          Ursprünglich erbaut in der Ming-Dynastie, diente die Ahnenhalle der Wang der Erinnerung an den quasi mythischen Gründer dieses Familienclans, Wang Hua, einen Prinzen von Yue im sechsten Jahrhundert. Sie war Zentrum des Familienlebens, gesellschaftlicher Mittelpunkt und Ort geschäftlicher Verhandlungen. Darüber hinaus sei die Ahnenhalle ein Ort unabhängiger Gerichtsbarkeit gewesen, mit eigenen moralisch-ethischen Standards, die sich „außerhalb des geltenden Rechtssystems“ befunden hätten, erläutert der Kurator der Ausstellung, Cui Cancan. „Sie unterstützte die Stabilität des Clans und war unberührbar durch das bürokratische System, und dadurch in Zeiten politischen Wandels oder sozialer Aufstände als System fähig, sich selbst zu erhalten und zu regenerieren.“

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