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„Germany“ im British Museum : Und plötzlich ist Deutschland ganz anders

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Zweihundert Objekte unter dem Skalpell: Im British Museum in London hat die Ausstellung „Memories of a Nation“ eröffnet. Sie wirft ein neues Licht auf ein Land, das den Engländern bisher immer fremd war.

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          An einem Mauerbrocken vorbei geht der Besucher geradewegs auf ein Transparent zu, das der Cottbusser Ingenieur Eckart Conradt für eine Berliner Demonstration im Dezember 1989 gefertigt hat. Auf der schwarzrotgold bemalten Umrisskarte der beiden Teile Deutschlands ist die Grenze schon mit Punkten markiert; mittendrin steht die Losung „Wir sind ein Volk“. Die Pappe für das Transparent stammt von der Verpackung eines Fahrrads, das ein Verwandter vor der Wende aus dem Westen geschickt hatte; die Farbe und der Besenstiel, an dem die Forderung nach Einheit montiert ist, sind DDR-Fabrikate.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das deutsch-deutsche Bastelwerk bildet einen treffenden Auftakt zu der Ausstellung im British Museum, die fünfundzwanzig Jahre nach dem Mauerfall das Konstrukt der zusammengekommenen Nation betrachtet und gemeinsamen Geschichtsbildern nachgeht. „Germany: Memories of a Nation“ ist der Versuch, mit Hilfe von rund zweihundert geschichtsträchtigen Gegenständen die Frage zu beantworten, was Deutschland ist. Dabei wird die Last dieses Vermächtnisses ebenfalls gleich zu Beginn der Ausstellung veranschaulicht: durch die ausgefranste deutsche Trikolore mit dem stürzenden Adler, eine von Georg Baselitz’ Arbeiten auf Papier aus der Schenkung des Grafen Dürckheim.

          Als Interpret dieser Erinnerungssplitter aus dem Gedächtnis einer Nation, die sich über viele Jahrhunderte hinweg nicht durch ihre Landesgrenzen, sondern durch Sprache und Kultur definiert hat, dient Neil MacGregor, der Direktor des British Museum. Er präsentiert ergänzend zur Ausstellung auch eine dreißigteilige Hörfunkserie und ein Buch, das zum Abschluss dieser Serie Anfang November in Großbritannien und im nächsten Jahr auch auf Deutsch erscheinen soll. Wie bereits in seiner „Geschichte der Welt in hundert Objekten“ und in „Shakespeares ruheloser Welt“ nimmt MacGregor seine Präparate auch in der Ausstellung mit einem feinen Skalpell auseinander, um ihre vielschichtige Bedeutung offenzulegen.

          Eisen, Wald und Schürze

          Sein Blick auf sechshundert Jahre deutscher Geschichte zeigt, wie sich die Nation immer wieder neu erfunden hat, in der Reformationszeit als Luther die christliche Welt spaltete, die deutschen Gebiete jedoch durch die durch seine Bibelübersetzung geprägte Sprache einte; in der Zeit der Befreiungskriege, als das Eisen zum preußisches Symbol der Aufopferung für das Vaterland wurde und die Künstler der Romantik den deutschen Wald beschworen; in der Kaiserzeit, in der Bismarck, hemdsärmelig und mit einer Schürze, als Schmied der deutschen Einheit dargestellt wurde in massenhaft produzierten Kleinfiguren; nach dem Zusammenbruch von 1945, als zwei deutsche Staaten eigene Geschichten klitterten aus dem Topf der deutschen Erinnerungen.

          Am  Ende stehen drei Objekte, die das Land in seiner jüngsten Inkarnation verkörpern: Norman Fosters Modell für das die Narben der Vergangenheit und die Hoffnungen der Zukunft tragende  Reichstagsgebäude; Ernst Barlachs schwebender Engel aus dem Dom von Güstrow, in dessen bewegter Geschichte sich Krieg und Teilung spiegeln; und Gerhard Richters „Betty“, die MacGregor als Sinnbild für die deutsche Beschäftigung mit der Vergangenheit deutet. Noch nie ist der mit Stereotypen gefütterten britischen Öffentlichkeit eine derart differenziertes Deutschland-Bild präsentiert worden.

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