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Germanen-Ausstellung in Berlin : Ein Schild für die Götter

Reiter und Pferd: koloriertes Gipsmodell von Heinrich Keiling zur Veranschaulichung der germanischen Vorfahren, nach 1913 Bild: Römisch-Germanisches Zentralmuseum Mainz / V. Iserhardt

Von der Lebenswelt der Germanen haben wir nur nebelhafte Vorstellungen. Eine Ausstellung auf der Berliner Museumsinsel versucht, für Klarheit zu sorgen.

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          Das Land ist entweder mit Wald oder Sumpf überzogen, feucht im Westen, windig im Osten, unbrauchbar für den Obstanbau und arm an Metall, „zur Bewohnung und fürs Auge trübselig für jeden, dem es nicht Vaterland ist.“ Kein Mensch würde es den Wilden, die dort hausen, streitig machen. Deshalb müssen die Germanen, die nördlich der Donau und östlich des Rheins siedeln, wohl die Ureinwohner dieses unfreundlichen Landes sein, schloss Tacitus. Dessen „Germania“, verfasst um 100 nach Christus, geriet in Vergessenheit, bis das einzige erhaltene Manuskript im fünfzehnten Jahrhundert wiederentdeckt und ediert wurde. Nun besaß man eine Beschreibung von Sitten und Gebräuchen einer Gruppe von Menschen, die einst in Mitteleuropa gelebt hätten, von denen aber materiell nur wenig geblieben war. Es sollte noch weitere Jahrhunderte dauern, bis archäologische Funde eine eigene Perspektive auf die Bewohner dieser Gegend zur Zeit der römischen Kaiser gewährten, die wiederum derjenigen in Tacitus’ Schrift gegenübersteht. Dass es sich bei der Sammelbezeichnung „Germanen“ um den Versuch handelt, sehr unterschiedliche lokale Ethnien zu bündeln, die sich, ähnlich wie die ebenfalls von außen als „Kelten“ bezeichnete Gruppe, kaum als Einheit sahen, ist evident. Wie aber wäre der Begriff „Germanen“ dann sinnvoll zu füllen?

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Dieser Frage widmet sich die Ausstellung „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“, die Ende vergangener Woche an zwei miteinander verbundenen Schauplätzen der Museumsinsel in Berlin eröffnet worden ist: In der James-Simon-Galerie werden die archäologischen Exponate gezeigt, im „Vaterländischen Saal“ des Neuen Museums soll die Rezeptionsgeschichte des Begriffs „Germanen“ in den vergangenen zweihundert Jahren beleuchtet werden.

          Zweihundert Jahre Germanen-Rezeption

          Das geschieht unter den wachsamen Augen der nordischen Götter, die hier als mehrteiliger Fries, entworfen von Wilhelm von Kaulbach, dargestellt sind. Erzählt werden Geschichten aus der Edda, doch die Götter gleichen antiken oder biblischen Gestalten, etwa der „Allvater“ Odin, der in Jahwe-Manier zwei Tafeln in den ausgestreckten Händen hält, auf denen aber nicht die Zehn Gebote, sondern „Friede“ und „Heil“ in Runenschrift zu lesen sind. Und die heimtückisch zu Tode gebrachte Lichtgestalt Baldur erinnert hier deutlich an den bekannten Apollo Belvedere. Mit Carl Emil Doeplers Bühnenausstattung zu Richard Wagners „Ring“-Zyklus erhielten die eddischen Gestalten dann ein germanisch gemeintes Aussehen, das sich deutlich von Arbeiten wie denen Kaulbachs absetzte.

          Das Pressblech mit zentralem Tierfries aus Silber und Gold, entstanden im 3. Jahrhundert nach Christus, wurde im Thorsberger Moor gefunden.
          Das Pressblech mit zentralem Tierfries aus Silber und Gold, entstanden im 3. Jahrhundert nach Christus, wurde im Thorsberger Moor gefunden. : Bild: Museum für Archäologie Schloss Gottorf

          Auf dem Boden des Vaterländischen Saals werden nun für die aktuelle Ausstellung zweihundert Jahre Germanen-Rezeption durchgespielt, im Allgemeinen ebenso wie speziell im Museum für Vor- und Frühgeschichte und seiner Vorgängerin, der Kunstkammer der Hohenzollern. Auf großen Stellwänden werden Lexikoneinträge zum Stichwort „Germanen“ zitiert (deren Ton allmählich differenzierter und weniger apodiktisch wird). So erfährt man, dass das Verhältnis zwischen Germanen und Slawen in der hiesigen Forschung auf unterschiedliche Weise diskutiert wurde – etwa in der Frage, welcher Gruppe bestimmte Bodenfunde zuzurechnen oder ob aus Gräberfeldern geborgene Schädel in dieser Hinsicht auffällig seien – und dass sich Archäologen wie der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte von den NS-Machthabern und ihrem Germanenkult vereinnahmen ließen, wenn sie ungestört graben durften. Ein damals im Havelländischen Luch entstandener Propagandafilm zeigt einen glücklichen Nationalsozialisten, der eine mit Hakenkreuz-Ornamentik verzierte Urne in den Händen hält.

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