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Gerhard Richters Skizzen : Mülltonnenkunst

  • -Aktualisiert am

Muss jetzt Strafe zahlen: Der Angeklagte (links) hatte versucht, weggeworfene Skizzen von Gerhard Richter zu verkaufen. Bild: dpa

Ein Neunundvierzigjähriger versuchte, im Altpapier gefundene Skizzen des Künstlers Gerhard Richter, zu verkaufen – und muss nun wegen Diebstahls selber zahlen. Doch wem gehört verworfene Kunst?

          Wer dem Vorurteil über die Kunst und ihren Markt anhängt, dass dort häufig aus Abfall Gold „gemacht“ werde, konnte dieses gestern Nachmittag vor dem Kölner Amtsgericht bestätigt sehen: Ein Neunundvierzigjähriger hatte sich Werke Gerhard Richters angeeignet, die der Edelkünstler als nicht mehr brauchbar in der Mülltonne entsorgte. Auch wenn der Kunst-Recycler die bemalten Fotografien und Entwürfe aus dem Altpapier gezogen hat, ist die Rechtslage in Deutschland doch eindeutig: Dinge im Hausmüll sind bis zur Entsorgung im Besitz des Eigentümers, so weit das Kölner Amtsgericht: Alles andere ist Diebstahl.

          Gegen den Mann sprach zumal, dass er die entwendeten Papierarbeiten nicht zum stillen Genuss in die eigenen vier Wände hängte, sondern die Blätter einer Münchner Galerie zu verkaufen suchte. 60.000 Euro hätte er der Anklage zufolge für das künstlerisch nobilitierte Altpapier auf dem Kunstmarkt erwarten dürfen; das Gericht verurteilte ihn nun zur Zahlung von 3150 Euro. Spontan erinnert man sich an die eigenen Kindheits-Spintisierereien.

          Kann das Weg, oder ist das Kunst?

          Nachdem es schon früh gehört hatte, dass Werke von Picasso Millionen erbringen, dachte sich das Kind arglos, die Abfalltonnen von dessen südfranzösischem Schloss müssten doch genügend verkaufsfähiges Material hergeben. Abgesehen davon, dass der Meister längst verstorben war und die Nachlassverwalter ganze Arbeit in der Verwertung von Picassos Reliquien geleistet hatten, wäre die Ausbeute bei ihm auch mehr als bescheiden ausgefallen – kein Fitzelchen Leinwand hätte sich gefunden, das der Künstler nicht sofort wieder bemalt hätte, keine Scherbe zerbrochener Keramik, die er nicht zu einer neuen Skulptur zusammengeklebt hätte.

          Picasso selbst hatte ja lange vor der Arte Povera, die sich aus armseligen und oft im Müll gefundenen Materialien speiste, mit seinem berühmten Stierkopf von 1942 aus einem aufgeklaubten Fahrradsattel und einem Lenker Kunst aus der Tonne generiert. Der Kölner Fall Gerhard Richters lenkt somit das Augenmerk auf eine völlig neue Definition der alten Frage, was denn Kunst sei – mindestens sekundär ihre Mülltonnenfähigkeit.

          Erst wenn verworfene Kunst aus einer Mülltonne gestohlen wird, ist sie Kunst, der bestohlene Künstler mithin ein Großkünstler. Das Vespasianische Klobesteuerungsmotto „Pecunia non olet“ wird in „Ars non olet“ umbenannt. Des Weiteren wird die Kunstgeschichte wohl oder übel eine abführende Rolle („Picassoismus“) und eine zuführende (später „Richterismus“) im Müllkreislauf unterscheiden müssen.

          Selig der weise Andy Warhol, der diesen neuen Stil wie so vieles lange vorhersah: 1987 packte er nach dreizehn Jahren sein Altpapier in die letzte von 611 sogenannten Zeitkapseln aus braunem Karton. Für diese versiegelte Altpapiersammlung aus bekritzelten Zetteln, Reklame und anderen Druckerzeugnissen erzielte er hohe Preise. Vielleicht sollte Gerhard Richter in Zukunft die Papiertonne abbestellen und einfach wie Warhol verfahren?

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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