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Gerhard Richters Fenster : Ein Ozean aus Glas im Kölner Dom

113 Quadratmeter, 11.500 Glas-Quadrate: das neue Kirchenfenster Bild: dpa

Das Fenster, das der Maler Gerhard Richter für den Kölner Dom gestaltet hat, wurde an diesem Samstag feierlich enthüllt. Mit einer derart bekennenden Profanität hat sich seit hundert Jahren keine zeitgenössische Kunst mehr in die Kirche getraut. Von Werner Spies.

          Kafkas „Prozess“ umstellt den Kirchenraum mit Finsternis. Im vorletzten Kapitel, „In dem Dom“, stoßen wir auf den Satz: „Das war kein trüber Tag mehr, das war schon tiefe Nacht. Keine Glasmalerei der großen Fenster war imstande, die dunkle Wand auch nur mit einem Schimmer zu unterbrechen.“ Bitter und knapp fällt die Schilderung der diaphanen Membrane aus, so als ginge es darum, die Frage nach Innen und Außen, nach Leib und Seele abzuhäuten. Die Kürze der Passage verdunkelt, als sei alles Licht abgesaugt, eine der ungeheuersten und „biblischsten“ Stellen im Buch. Sie handelt von dem sich ein ganzes Leben lang hinziehenden Zusammentreffen zwischen dem „Mann vom Lande“ und dem „Türhüter“, der dem Ankömmling den Eintritt versagt.

          Werner Spies

          Freier Autor im Feuilleton.

          Stärker kann Rätselhaftigkeit nicht in den Kopf einbrechen. Und darum geht es auch bei dem, was Gerhard Richter, nun gewissermaßen die Schilderung Kafkas von den opaken Fenstern auf den Kopf stellend, dem Sehen und Verstehen entgegenhält. Bei unseren sommerlichen Wanderungen im oberen Engadin, begleitet vom Continuo der Bäche und dem periodischen Getrappel der Kutschen nach Fex-Curtins, wird spürbar, dass Richter, der am heutigen Tag dem Kölner Dom ein in zahllosen farbigen Facetten schmetterndes Fenster zum Geschenk macht, alles andere als einen Dekor für eine blinde Fehlstelle liefert. Mit einer derart bekennenden Profanität hat sich seit hundert Jahren keine zeitgenössische Kunst in die Kirche getraut. Und daran kann kein Zweifel bestehen, es bleibt nicht bei einer unbeteiligten Hinnahme im Kirchenschiff. Zu aggressiv und hitzig stürzen die Farben in den Raum. Es ist ein unerwarteter Jubel, in den das Werk ausbricht.

          Auferstehung und Erlösung

          Als wir am 4. August zusammen für kurze Zeit das eben eingebaute Fenster unverhüllt sehen, wird es offenbar: Im Mittagsläuten und Mittagglast zeigt sich etwas, was auch Richter nicht erwartet haben konnte. Denn nach der melancholischen, giftig bleiernen Aufreihung von Strontium-Kristallen, die er in seinem letzten großen Auftrag für San Francisco präsentierte, darf man von Auferstehung, von Erlösung sprechen. Der Betrachter wird aufgefordert, die jähen Launen und Wirkungen des Lichts zu beschildern. Man möchte an die Ursuppe in „Solaris“ denken, die unaufhörlich andere Strukturen präsentiert, deren Kolorierung in einem fort wechselt und deren Verhalten nicht zuletzt jeder menschlichen Vorstellungskraft spottet. In dem Ozean aus Glas im Dom spiegelt sich vieles wider, nicht zuletzt die metaphysische Landschaft um Sils Maria und, in den ebenso scheuen wie bitteren Worten des Malers, das Wissen um die stetige Versuchung, „dass wir glauben können, glauben müssen“.

          Gerhard Richter bei der Pressekonferenz anlässlich der Einweihung

          Was zutiefst bewegt im Umgang mit diesem Fenster: Hinter der abstrakten Welt stecken ein Mensch und ein Werk, die sich süchtig der Fragilität der Erscheinungen zuwenden. Aus diesem Grunde führt alles, was sich zwischen Fextal und Maloja erleben lässt, ins südliche Transept des Kölner Doms. Ein Blick in den disparaten „Atlas“, in dem der Künstler seit Jahren sein Diarium festhält, zeigt eine Reihe von Aufnahmen, die an die Ferien erinnern, die er an diesem Ort im Winter und im Sommer verbracht hat.

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