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Gerhard Richters Abstraktion : Mehr von dem, was wichtig ist

  • -Aktualisiert am

Das Museum Barberini in Potsdam zeigt Gerhard Richters abstrakte Bilder. Sie überraschen auch mit dem, was sie aussparen.

          Das Museum Barberini in Potsdam zeigt eine Ausstellung mit dem Titel „Gerhard Richter. Abstraktion“. Die Bestimmtheit dieses Titels könnte suggerieren, dass die Frage nach der Abstraktion in diesem Fall definitiv geklärt ist. So ist es, zum Glück, aber nicht, denn schon im ersten Raum wird man mit einem Gemälde konfrontiert, bei dem sich die Frage stellt, was daran eigentlich abstrakt sein soll. Das Bild zeigt einen in monochromem Grau gemalten Vorhang.

          Ist dieses Bild abstrakt, weil ihm die Farben fehlen? Wohl kaum. Was dem Vorhang fehlt, ist vielmehr eine Person, die vor ihm Platz nimmt. Das könnte Charlotte Knobloch sein, von der Gerhard Richter, wie zuvor auch von seinem Galeristen Alfred Schmela, ein Porträt gemalt hat. Bei diesem Porträt erscheint der Vorhang im Hintergrund. Nun, nachdem die fotografierte Person verschwunden ist, sieht man nur noch ihn, ein gewelltes, graues Stück Stoff und sonst nichts.

          Das, was wichtig ist

          Wenn das ein Beispiel für Richters Auffassung von Abstraktion ist, dann meint der Ausdruck „Abstraktion“ nicht das, was man gewöhnlich darunter versteht. Hier kommt der Vorhang nicht deshalb ins Bild, weil er etwas verbirgt. Er steht nicht in Bezug zu dem, was hinter ihm verschwindet, sondern zu dem, was vor ihm erscheint. Er ist Teil eines Apparates und eines Handlungszusammenhangs zur Erzeugung technischer Bilder.

          Gerhard Richter im Museum Barberini Bilderstrecke

          Wenn Richter nur diesen Vorhang zeigt und von der dazugehörigen Person abstrahiert, dann wendet er sich nicht von der Welt ab, um sich auf die Eigengesetzlichkeit eines selbsterschaffenen Bildes zu konzentrieren. Im Gegenteil. Der Akt der Abstraktion hat vielmehr, wie auch im theoretischen Denken, den Zweck, von Unwichtigem abzusehen, um das Wesentliche hervorzuheben. Abstraktion zeigt weniger von der Welt, dafür aber das, was wichtig ist. Man sieht keine Person, wird aber auf die Bedingungen verwiesen, unter denen sie erscheinen könnte.

          Dieses Konzept von Abstraktion bestätigt sich, wenn man die eher untypischen Werke betrachtet, die im Raum 6, dem Zentrum der Ausstellung, versammelt sind. In der Mitte wurden hier – auf Anraten des Künstlers – sieben große Glasscheiben zu einem „Kartenhaus“ zusammengestellt. Auch da fragt man sich, was daran abstrakt sein soll. Die Scheiben als solche sind schließlich, anders als die Bilder, ganz konkrete, mit den Händen zu greifende Objekte im realen Raum. Doch das faktisch Vorhandene bringt auch hier, wie schon der Vorhang, manches andere mit sich. Die gläsernen Scheiben spiegeln zum Beispiel alle Personen, die sich ihnen nähern. In den unterschiedlich ausgerichteten Oberflächen reflektiert und bricht sich das Licht, das sich fortwährend ändert. Die ganze Vorrichtung gleicht einem Observatorium, das sämtliche Resonanzen und Schwingungen registriert, die in diesem Raum ankommen, manche von ganz weit, von der Sonne.

          Diffuse, vage strukturierte Flächen

          Ringsherum findet man an den Wänden ein Archiv von übermalten Fotografien und kleinformatigen Blättern mit dünn aufgestrichenen Farbschichten, in dunkelbraunen, häufig aber hellen und durchscheinenden Tönen, wobei sich diffuse, vage strukturierte Flächen ergeben, auf denen mit einem schwarzen Stift zaghafte Markierungen angebracht wurden, so als ob man dem weißen Rauschen wichtige Informationen entnehmen müsse. Alle diese Blätter sehen aus, als seien sie aus bildgebenden Verfahren hervorgegangen, die wir nicht kennen und deren Resultate uns nur deshalb abstrakt erscheinen, weil wir nicht wissen, in welcher Beziehung sie zur realen Welt stehen.

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