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Gerda Panofsky im Gespräch : „Ein Ausdruck des schlechten Gewissens“

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Die Nachricht vom Fund des Manuskripts ihres Mannes kam für Gerda Panofsky überraschend, dann schöpfte sie Verdacht. Nur einer konnte das Konvolut nach München gebracht haben: Ludwig Heinrich Heydenreich.

          Wie lange haben Sie bereits nach der Habilitationsschrift Ihres Mannes gesucht?

          Ich persönlich? Vierundzwanzig Stunden! Es ist eine ganz unglaubliche Geschichte. Ich schreibe nämlich gerade an einer Biographie über die frühen Jahre von Erwin Panofsky, den Zeitraum zwischen 1900 und 1920. Deshalb wollte ich endgültig klären, ob das Manuskript verschollen ist. Im Juni habe ich von Princeton aus eine Mail an die Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek geschickt. Man verwies mich an die Hamburger Bibliothek für Universitätsgeschichte. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden antwortete mir ein Herr sehr freundlich und ausführlich zu dem damaligen Habilitationsvorgang. Doch sein Fazit lautete: Der Verbleib der Schrift sei unbekannt, man vermute, das Manuskript sei zerstört worden, als Hamburg 1943/44 bombardiert wurde. Plötzlich, mitten hinein in diesen Austausch, erhielt ich eine Mail aus München. Die Betreffzeile lautete „Fund“.

          Waren Sie überrascht, dass die Schrift in München gefunden wurde?

          Ja, ich war total überrascht. Wolfgang Augustyn, der stellvertretende Direktor des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, kam wie ein Deus ex machina mit dieser Nachricht. Ich wusste erst nicht, ob ich träumte oder wachte. Ich war wie benommen. Das konnte doch nicht wahr sein: Panofsky hatte überhaupt keine Beziehungen zu München, außer dass er im Sommersemester 1911 dort studierte.

          Bisher glaubten alle, das Manuskript könne nur in Hamburg liegen.

          Ja. An der Hamburger Universität reichte Panofsky 1920 seine Habilitationsschrift ein, hier wurde er 1926 Professor, er hatte den Lehrstuhl für Kunstgeschichte, bis er 1933 von den Nationalsozialisten entlassen wurde. Im Sommer 1934 emigrierte er nach Amerika. Ich war nicht die Erste, die nach der Habilitationsschrift suchte. Ich wusste natürlich von den vergeblichen Recherchen von Karen Michels, Horst Bredekamp und Dieter Wuttke.

          Wie haben Sie die Nachricht aufgenommen, dass das Manuskript in einem ehemaligen Panzerschrank der NSDAP lag?

          Im Englischen gibt es dafür eine treffende Formulierung. Man nennt das: „Adding insult to injury“. „Injury“, der Schaden, bestand in dem Verlust; aber „insult“, die Kränkung, ist die Tatsache, dass dieses verloren geglaubte Manuskript über Jahrzehnte ausgerechnet in einem Panzerschrank der Nationalsozialisten aufbewahrt wurde.

          Wovon handelt die Habilitationsschrift?

          Bisher kannten wir nicht einmal den genauen Titel. Er lautet: „Die Gestaltungsprinzipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels“. Das Manuskript hat einen Umfang von 334 Seiten, es ist zur Hälfte maschinengeschrieben, die andere Hälfte besteht aus handschriftlichen Zusätzen. Panofsky greift darin zum Teil zurück zu den Ägyptern oder auch vor zum Barock. Hauptsächlich aber stellt er Michelangelo Raffael gegenüber, dem Vertreter der Hochrenaissance. Panofsky beschäftigt, dass sich Michelangelo nicht einordnen lässt. Er war kein Vorläufer des Barock, wenn überhaupt vielleicht ein Bruder des Barock.

          Wie fügt sich der Fund in Panofskys Gesamtwerk ein?

          Quantitativ gesehen hatte er bis zu seiner Habilitation, das Manuskript nicht mit eingeschlossen, neun Publikationen vorgelegt. Bei seinem Tode umfasste sein Werk 180 Titel, jetzt, 2012 sind es mehr als 330. Postum sind natürlich - mit ganz wenigen Ausnahmen - vor allem Neuauflagen und Übersetzungen erschienen. Das Manuskript ist schon daher eine große Entdeckung.

          Sie sind selbst Kunsthistorikerin und haben über Michelangelo geforscht. Wie beurteilen Sie, was Panofsky über Michelangelo geschrieben hat?

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