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Lackkunst in Münster : Chinesische Figuren auf japanischem Grund

Er diente dem Luxus: Das Museum für Lackkunst in Münster zeigt das Werk des Berliner Hofkünstlers Gérard Dagly, der sich von Asien inspirieren ließ.

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          Leibniz hat sein Lob gesungen, auf einem kleinen Papierbogen, der zum Entrée der Ausstellung in einer Vitrine liegt. In diesem Empfehlungsschreiben an den Herzog von Braunschweig pries der Philosoph 1709 den Lackkünstler Gérard Dagly dafür, dass dieser „excelliret in Vernißen und Lack-wercken“, also im Lackieren und in lackierten Objekten. Mit dieser Tätigkeit traf der 1660 im heute belgischen Spa geborene Dagly den aktuellen europäischen Modetrend, der durch den Import vor allem japanischer Lackarbeiten ausgelöst worden war und die Chinoiserien des achtzehnten Jahrhunderts hervorbrachte. Die zehrten aber auch von wissenschaftlicher Neugier auf die ostasiatischen Kulturen, und einer der Vorreiter dabei war Leibniz, den der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. im Jahr 1700 zum Präsidenten der neuen Berliner Societät der Wissenschaften ernannt hatte. Der Philosoph begeisterte sich für China, und in Daglys Arbeiten fand er das, was er generell für Europa forderte: an asiatischem Vorbild geschultes Können.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dagly arbeitete schon seit 1686 in Berlin; der gleichfalls für China entbrannte Große Kurfürst hatte ihn kurz vor seinem Tod zum Hofkünstler berufen, aber aus dieser Frühzeit als Möbelhersteller hat sich nichts erhalten außer einer Rechnung für Lackrohstoffe. Unter der 1688 beginnenden Regentschaft seines Nachfolgers Friedrich III. baute Dagly seine Position dann kontinuierlich aus. Eine den Herrscher erfreuende Umgestaltung eines Raums im Berliner Stadtschloss zum Chinesischen Kabinett brachte ihm 1696 den Titel „Intendant der Ornamenten“ ein, womit er verantwortlich für die brandenburgischen Schlossausstattungen wurde. Die Gunst seines Fürsten nutzte Dagly zudem dazu, sich ein landesweites Privileg auf Lackarbeiten ausstellen zu lassen. Und 1705 wurde er auch noch Direktor der Gemäldesammlungen Friedrichs, der seit 1701 als König in Preußen regierte, was seiner Herrschaft eine besondere Prunkentfaltung abverlangte, wenn er der Rangerhöhung gerecht werden wollte.

          Als überlegener Nachahmer geschätzt

          Entsprechend florierte die Luxusgüterproduktion in und um Berlin, und Daglys Werkstatt besonders. Trotzdem hat Monika Kopplin, die Direktorin des Münsteraner Museums für Lackkunst und eine der größten Expertinnen auf ihrem Feld, während der Vorbereitung der nun präsentierten Dagly-Ausstellung ihres Hauses insgesamt nicht einmal dreißig Werke ausfindig machen können, die ihm oder seiner Werkstatt sicher zuzuschreiben sind, und davon sind vier im Zweiten Weltkrieg zerstört worden oder verschollen. Insofern darf man es sensationell nennen, dass fünfzehn Dagly-Arbeiten den Weg nach Münster gefunden haben, darunter allein fünf Kabinette als Zeugnisse der am meisten bewunderten und teuersten Werkstatterzeugnisse.

          Allerdings zahlte sein königlicher Auftraggeber unzuverlässig, und der Kronprinz Friedrich Wilhelm zeigte damals bereits jene Liebe zum Militär, die mit Verachtung alles Schönen einherging und ihm später auf dem Thron den Beinamen „Soldatenkönig“ einbringen sollte. Dagly suchte deshalb schon früh nach anderen Kunden, obwohl er alle Arbeiten zuerst seinem Dienstherrn präsentieren musste, und sogar nach Alternativen zum Berliner Hofkünstleramt, wie das Empfehlungsschreiben von Leibniz beweist. Es wurde jedoch nie übergeben, und nur deshalb hat es sich erhalten, denn alle an Dagly selbst gerichteten Briefe des Philosophen sind verloren. Das Schreiben an den Herzog aber schickte der Lackkünstler an Leibniz zurück, weil er es nicht verwendet hatte.

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