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Georges Seurat : Das wirbelnde Volk der Striche

Solch ein Gewimmel dürfen wir sehen: Das Kunsthaus Zürich feiert den hundertfünfzigsten Geburtstag des Malers Georges Seurat und lässt ahnen, welche Sprünge dieser früh verstorbene Innovator wohl noch vollführt hätte.

          Georges Seurat, der am 2. Dezember 1859 in Paris geboren wurde und dort am 29. März 1891 starb, hat in seinem kurzen Leben, so steht es in den Geschichtsbüchern, eine wissenschaftliche Revolution in der Malerei vollbracht. Kein besseres Emblem konnte die Seurat-Ausstellung des Kunsthauses Zürich im Jahr von Seurats hundertfünfzigstem Geburtstag wählen als das Gemälde des Eiffelturms, das aus San Francisco nach Zürich gekommen ist. Der Turm wurde für die Weltausstellung von 1889 gebaut, die zur Feier des hundertsten Jahrestages der Französischen Revolution stattfand, und war von Gustave Eiffel als Monument des wissenschaftlichen Zeitalters gedacht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der vor einem hellblauen Himmel rötlich flimmernde Eiffelturm schmückt die Vorderseite des Katalogs und ist leider auch das einzige der ausgestellten Werke, das dort mit einer eigenen Beschreibung gewürdigt wird. Im Übrigen bietet der Text des Kataloges nur vier Aufsätze. Neben einem zauberhaften Essay von Wilhelm Genazino und einem hochsoliden Überblicksartikel von Gottfried Boehm fallen die beiden übrigen Beiträge stark ab. Sollte eine solche Zusammenführung erlesener Leihgaben nicht Anlass für eine Zusammenschau und Revision des Wissens über den Künstler sein - zumal die Kunstwissenschaft in der Beschäftigung mit Seurat sich selbst begegnet, in der problematischen Gestalt einer Naturwissenschaft des Sehens, einer Physiologie der rezipierenden Bildkonstituierung? Man bekommt in Zürich keine Vorstellung vom philologischen Aufwand der Seurat-Forschung, der gerade im Erfolgsfall vor die Frage führt, was der Nachweis des Studiums optischer Traktate für das Verständnis der Bilder erbringt.

          Ein Descartes des Sehvermögens

          Zweifellos eignet sich der Eiffelturm prächtig zur Demonstration von Seurats Verfahren, dem sogenannten Pointillismus. Aus reinfarbigen Punkten setzt sich die Bildfläche zusammen. Hier scheint ein Descartes des Sehvermögens am Werk, der die Wahrnehmung des Bildes in elementare Operationen zerteilt. Tatsächlich brachte Seurat sein Vorgehen auf den denkbar einfachsten, cartesischen Begriff: „ma méthode“. Erst im Auge des Betrachters verbinden sich die Farbflecken zu Linien.

          Welche größere Herausforderung für dieses Punkt auf Punkt häufende Konstruieren als das Weltwunder der Vertikalität? Die Errichtung des Eiffelturms begleitete ein Sturm von Protesten. Kritisch wurde vermerkt, dass der Baukörper bei näherem Hinsehen überall durchbrochen ist, dass man dem Turm ansieht, dass er nicht gegossen wurde, sondern montiert. Insofern lassen sich Eiffels Bau und Seurats Nachbildung im konstruktiven Prinzip und in dessen ästhetischer Wirkung vergleichen. Anders als oft zu lesen ist, bewirkt Seurats Pointillismus nicht, dass für den Betrachter die Punkte verschmelzen. Das Ganze des Gegenstandes und das Gewimmel der Punkte bleiben gleichzeitig sichtbar. Besonders gut kann man das in Zürich an den Hafenansichten studieren, die Seurat von den Sommerreisen in die Normandie mitbrachte.

          Eine ganze Wand für sich

          Vor einem Bild von Seurat experimentiert der Betrachter mit dem Abstand. In dieser Aufforderung, einige Schritte zurückzutreten, liegt eine weitere Affinität zwischen dem gebauten und dem gemalten Eiffelturm. Wenn der Betrachter sich vor dem Gemälde so verhält wie vor dem Bauwerk, erhebt sich allerdings die Frage, ob es für die Wirkung des Bildes darauf ankommt, dass es sich um ein Abbild des Eiffelturms handelt. In Zürich hat das Bild eine ganze Wand für sich, und dadurch sticht sofort seine auffälligste Eigenschaft ins Auge: Es ist sehr klein, misst gerade einmal 15 mal 24 Zentimeter. Von vornherein sieht der Maler davon ab, mit den Dimensionen seines Gegenstandes in Konkurrenz zu treten.

          Der Skandal der zeitgenössischen Debatte, dass der Turm um ein Vielfaches höher werden sollte als die Dächer der stolzesten Palais und Kirchen, ist zwar zu ahnen, aber eigentlich nicht zu sehen, da die das Stahlskelett umgebende Altbebauung nur unscharf angedeutet wird. Das Bild strahlt die Heiterkeit eines Sommertages aus, und zu diesem Eindruck trägt die Leichtigkeit der Malweise bei, die in Kontrast zum titanischen Aufwand auf der Baustelle steht. Der Maler sucht den Wettkampf mit dem Ingenieur und entwindet sich ihm gleich wieder: Nach dem Asterix-Motto „Frechheit siegt“ führt er vor, dass für ihn der Nachbau des Eiffelturms eine Fingerübung ist.

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