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Georges Seurat : Das wirbelnde Volk der Striche

Seurat hat sein Bild nicht auf dem Reißbrett entworfen. Sein Atomismus ist kein mechanisches Weltprinzip. Bei den Schaustücken seiner Methode, dem „Badeplatz bei Asnières“ und dem „Sonntag auf der Insel Grande Jatte“, die London und Chicago nicht mehr verlassen und in Zürich jeweils durch eine beachtliche Zahl von Ölskizzen vertreten werden, hat er das Punktemuster im letzten Schritt über das Bild gezogen. Damit erzeugt er den von Bridget Riley, seiner großen Schülerin unter den Künstlern unserer Epoche, beschriebenen paradoxen Effekt, dass sein durchdringender Blick einen Schleier über die Dinge legt. Die kleinen Vorstudien, im Freien auf Holz gemalt, sind nicht pointillistisch gearbeitet. Anders der Miniatur-Eiffelturm: Hier ist das Streuen der Farbpunkte über die Bildfläche die virtuose Geste eines schöpferischen Übermuts.

Der Punkt ist nicht formlose Urform, sondern pointierte Gestalt des Pinselstrichs. Diese Punkte können sich drehen und wenden, sie machen sich breit oder streben, ein wirbelndes Volk winzigster Türme, nach oben. Unter dem Bogen des Eiffelturms gruppieren sich auch die gelben und hellstblauen Punkte bogenförmig, zu einem Tunnel des Lichts. Links ragt wohl ein Baum ins Blickfeld, mit patriotisch dreifarbigem Blätterwerk, als feierte die Natur den 14. Juli.

„Figur im Raum“ heißt die Ausstellung, und während dieser Titel auf die von keinem Klabautermann heimgesuchten Hafenansichten nicht zutrifft, lässt sich der Eiffelturm als Figur betrachten: mit seinen glühenden Gliedmaßen ein Kollege der Eisenbieger und Feuerspeier aus dem Varieté. Spektakulärstes Stück der Ausstellung ist der aus dem Orsay-Museum ausgeliehene „Zirkus“ im Format 1,52 mal 1,85 Meter mit dem gemalten breiten blauen Rahmen. Das Bild stammt aus Seurats letztem Lebensjahr und gibt das Rätsel auf, welche Sprünge dieser Innovator wohl noch vollführt hätte.

Orange drängt nach oben

Der Pointillismus wird hier nicht mehr, wie in den großen Freiluftszenen aus dem Atelier, zur gleichsam akademischen Nachbildung der impressionistischen Illusion des erfüllten Augenblicks eingesetzt. Die Bewegtheit von Zirkuspferd und Tänzerin ist, wie Genazino schreibt, „ein Schein, wirkt starr, gleichsam gefroren“, wie die Zuschauer in ihrem „Statuencharakter“. Mit der „Punkte-Technik“ war es Seurat möglich, „den abgezirkelten Ritus einer wiederkehrenden Dressur zu zeigen“. Die bizarre gotische Ornamentik des Röckchens der Tänzerin und der blitzgleich gezackten Stoffbahn in der Rechten des Clowns im Vordergrund verweist nach Auskunft der Forschung auf Seurats Rezeption des Kunsttheoretikers Charles Henry, der den Farben Bewegungsrichtungen zuordnete, dem Orange beispielsweise den Drang nach rechts oben.

In den Zeichnungen bringt Seurat den Statuencharakter der Clowns und Zuschauer, der Angler und Arbeiter zum Verschwinden, indem er sie in Strichwolken hüllt. Dieses Helldunkel ist das zeichnerische Äquivalent der Punktcluster: Verdeckt, überspielt und beschworen wird mit beiden Mitteln die Linie; der Umriss wird durch sein Umfeld vertreten. Werner Busch hat in seiner in diesem Jahr erschienenen Untersuchung über das „unklassische Bild“ Seurats konturlose, aus den Abstufungen des Lichts komponierte Zeichnungen in die Tradition Tizians, Rembrandts und Gainsboroughs gestellt: Sie entziehen sich der festlegenden Linie, lassen die Figur nur zur Hälfte, ohne Grenzen, aus dem Grund hervortreten und haben diese Grenzerfahrung, das Diffuse gerade der unabweisbar starken Wahrnehmung, zum wahren Gegenstand.

Seurat hat den Eiffelturm gemalt, als er noch nicht fertig war. Die Spitze des Turms verliert sich in den Wolken, scheint zu flackern: Zu Flammenzungen strecken sich ganz oben die Punkte. Man kann darin mit dem Katalog ein Symbol des unendlichen Fortschritts sehen. Im Eiffelturm, von Joris-Karl Huysmans als hohler Kandelaber verspottet, sahen die Positivisten die Fackel der Wissenschaft. Aber was sehen wir auf Seurats Bild, wenn wir von dem absehen, was wir wissen? Wie auf jedem seiner Bilder schiebt sich der Gesamteindruck vor das Einzelne. Alles ist leuchtende Atmosphäre. Was ist das, was da so kühn in den Himmel über Paris schießt? Wir sehen ein Feuerwerk am helllichten Tag. Auch diese Ikone des wissenschaftlich-künstlerischen Fortschritts ist, wie es Busch von einer nächtlichen Konzertszene des Zeichners Seurat sagt, ein Gaukelbild, eine Fata Morgana.

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