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Georg Baselitz im Vergleich : Wer kann hier nicht malen?

Zwei große Müncher Ausstellungen haben eröffnet - und könnten unterschiedlicher nicht sein: Georg Baselitz im Haus der Kunst, „Künstlerinnen um 1900“ im Stadtmuseum. Ein Vernissagengang.

          Vor kurzem wurde in München eine Ausstellung eröffnet, die man als Großereignis bezeichnen muss: Dutzende von ungesehenen Bildern und Skulpturen, mitreißende Geschichten und Biographien, in denen sich jemand trotz schwierigster äußerer Bedingungen neu erfindet, wie das immer heißt. Ein ganzer Kontinent von Werken, von denen man nichts wusste, ist dort zu entdecken. In dieser Ausstellung, die im Münchner Stadtmuseum gezeigt wird, befanden sich an einem Nachmittag Ende der vergangenen Woche genau zwei Besucher und drei Wärter, die die zwei Besucher energisch daran hinderten, Fotos zu machen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Rest der Münchner Museumsgänger hatte sich rund sieben Fahrradminuten entfernt im Haus der Kunst versammelt, wo dessen Leiter, Okwui Enwezor, die große Georg-Baselitz-Schau eröffnete. Es waren Hundertschaften gekommen: Der Saal brach fast zusammen, die Luft war heiß und sauerstoffarm, ein paar ältere Herren saßen reglos, mit offenen Mündern und geschlossenen Augen, auf ihren Stühlen und wurden erst von der sonoren Stimme Okwui Enwezors wieder wachgerüttelt, der die Eröffnung so professionell anmoderierte, als sei es eine Oscar-Verleihung: Herzlich willkommen, Herr Kultusminister Ludwig Spaenle (donnernder Applaus)! Herzlich willkommen, Wolfgang Heubisch (ehemaliger Kultusminister, ehemaliger Vizepräsident der Bayerischen Landeszahnärztekammer - ebenfalls donnernder Applaus, Bravoruf eines Mannes vorn links im Auditorium; vielleicht ein Zahnarzt)! Herzlich willkommen, Georg Baselitz!

          Enwezor und Baselitz sind ein seltsames, geradezu unwahrscheinliches Gespann: hier der Kurator, der 2002 als Leiter einer klugen, post-eurozentrischen Documenta bekannt wurde, dort der Maler, der die Documenta als „Paralympics„ beschimpfte und für einen so ganz anderen Kunstbegriff steht als Enwezor. Andererseits kann Enwezor eine populäre Malerei-Großschau brauchen, die letzten Ausstellungen waren keine Publikumshits, und seit Monaten heißt es, das Haus der Kunst stecke in der Krise. Nun soll es Baselitz richten. Diese Ausstellung, so Enwezor, sei „ein signifikanter Meilenstein“ in der Geschichte des Hauses und Baselitz eine überragende Figur der Gegenwartskunst, die sich „rastlos„ immer „neu erfinde„, er danke ihm für „das Geschenk dieser Ausstellung, seine immense Großzügigkeit und seine immense Kraft als Künstler“.

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          Außerdem danke er der Galerie Gagosian und dem Unternehmensberater Roland Berger, der die Ausstellung, die im Übrigen später weiterreise nach Schanghai, von Anbeginn finanziell unterstützt habe. Es trat daraufhin der Minister auf, der Baselitz als einen der „einflussreichsten Künstler der Gegenwart“ feierte.

          Danach hauten sich der so mit einer warmen Welle von freundlichen Superlativen Überschwemmte und der Kurator der Schau, Ulrich Wilmes, Komplimente und Pointen nur so um die Ohren, und schließlich strömten die Vernissagebesucher in die riesigen Hallen des Hauses der Kunst, das bis in den letzten Winkel mit Baselitz-Werken gefüllt ist: Man findet den berühmten über Kopf fliegenden Adler, die über Kopf gemalten, an der Grenze von Abstraktion und Figuration gerade noch als Porträt erkennbaren Porträts der Ehefrau Elke, dazu Großformate, an denen Baselitz Verehrung für Pollock und das Informel sichtbar wird, sowie neue Bilder, in denen Baselitz seine bekannten Motive wie den Adler fast Schwarz auf Schwarz malt - der Gegenstand verschwindet und schimmert wie ein Palimpsest aus der Leinwand hervor, nur die Textur des Farbauftrags, nicht die Farbe verrät ihn.

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